Talkshows und Politik

Mehr Inszenierung statt Wirklichkeit? Kolumne vom 11. Juli 2019

Die Leitung des WDR hat alles richtig gemacht. Da sind sich der Intendant und sein Programmdirektor einig mit dem AfD-Vertreter im Rundfunkrat. Dessen Resümee zur Sitzung des Gremiums am vorigen Freitag zitiert der Pressedienst epd: In der Sendung „Hart aber fair“ vom 1. Juli hat „Herr Junge unsere Partei gut vertreten, und Herr Plasberg ist einfach nur fair gewesen.“ So fair, dass sich der Moderator beinahe noch beim rheinland-pfälzischen Landesvorsitzenden für möglicherweise unangenehme Fragen entschuldigt hätte, es aber bei der Bemerkung beließ, der AfD-Funktionär habe die Talkshow hoffentlich nicht als Tribunal empfunden.
So viel Rücksicht wurde selten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen im Umgang mit Propagandisten vom rechten Rand geübt. Müssen wir uns darauf einstellen, dass §11 des Staatsvertrags für Rundfunk und Telemedien jetzt stets unter der Maßgabe zu interpretieren ist, dass auch die AfD mit all ihrer Demokratieverachtung, ihrem latenten Rassismus, ihren Hasstiraden als Teil der „freien und öffentlichen Meinungsbildung“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Gleiche unter Gleichen erscheinen sollte?

AfD in der Rolle des Bösewichts
Ich teile die Ansicht des Medienwissenschaftlers Lutz Hachmeister, der generell infrage stellt, ob das Format Talkshow geeignet ist, komplexe politische Prozesse abzubilden. Die seit Jahren forcierte Talk-Inflation habe nicht zu einem höheren Grad der Erkenntnis beitragen können, weil die Zuschauer lediglich Zeugen einer Simulation seien, einer Scripted Reality. Zur eigentlichen Werkstatt der Politik, wo Staatssekretäre, Lobbyisten und Ministerialbeamte als Machtträger agieren, wo Gesetze geschaffen werden, haben die Showmaster mit ihren Talk-Gästen so gut wie keinen Zutritt.
Seit es die AfD gibt, bekommt sie die Rolle des Bösewichts zugewiesen, die sie gern übernimmt, weil sie die größte Aufmerksamkeit beim Publikum garantiert. So entsteht die paradoxe Situation, dass ausgerechnet jene Partei, die dem öffentlich-rechtlichen System die Existenz streitig macht, dieses ausgiebig zur Propaganda und zur Eigenwerbung nutzen kann. Da die schwarz-weißen Parolen der AfD schlagkräftiger daherkommen als politisch ausgewogene Argumentationen, zumal sich unter den Bedingungen der Großen Koalition Zuspitzungen der Kontrahenten im Rahmen halten, ist sich der rechte Rand der vollen Aufmerksamkeit des Publikums gewiss.

Talkshow-Formate als Inszenierung
„Wer sich einbilden kann, für ,das Volk‘ zu sprechen, kann sich auch einbilden, eigene Überzeugungen nicht mehr begründen zu müssen (…) es muss nur demokratisch wirken, was wahrhaft autoritäres Denken ist“, schrieb dieser Tage die Publizistin Carolin Emcke über die „rationale und normative Entleerung“ des Talkshow-Formats. Da es Konflikte eher inszeniere, als die Wirklichkeit abzubilden, trage es zur weiteren Polarisierung der Gesellschaft bei.
Das wurde am 1. Juli im „Ersten“ beispielhaft vorgeführt. Junges Prinzip ging auf: nicht auf kritische Fragen antworten, sondern Thesen in den Raum werfen, an denen sich die Runde abarbeiten sollte. Es lohnt sich, mal einen Blick auf Junges berufliches Vorleben zu werfen. In seiner Offizierslaufbahn war der Oberstleutnant bis zuletzt als Experte für psychologische Kampfführung im Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr im Einsatz. Dessen Auftrag unter anderem: Einwirken auf Streitkräfte und Bevölkerung gegnerischer Staaten. Gelernt ist gelernt.

Die Kolumne erschien am 11. Juli 2019 in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau (unter dem Titel „HART ABER FAIR Die psychologische Kampfführung des AfD-Politikers Uwe Junge“).

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