Krieg findet zu Hause statt

Kolumne vom 22.2.2018

Erschütternde Nachrichten aus den USA: Hohe Schulden und sinkende Nachfrage nach Pistolen und Gewehren zwingen einen der ältesten US-Waffenhersteller in die Insolvenz. Die Remington Outdoor Company muss einen Antrag auf Gläubigerschutz stellen, um die Schulden um 700 Millionen $ senken zu können. Einer der eifrigsten Trump-Unterstützer, Finanzinvestor Feinberg, dessen Cerberus-Gesellschaft ausgerechnet in Remington investiert hat, steckt in Schwierigkeiten.

Man muss nicht lange nach einem Schuldigen suchen: er heißt Donald Trump. Denn während es unter Obama noch Angst-Waffenkäufe wegen möglicher strengerer Regulierungen gab, sank die Gefahr schärferer Waffengesetze mit Trumps Präsidentschaft deutlich. Also besteht weniger Panik und das Geschäft läßt nach. Auch anderen großen Herstellern wie Smith & Wesson, Sturm, Ruger und Co. geht es nicht besser.

Trump hatte schon vor seiner Amtszeit auf dem Kongress der Waffenlobby NRA (National Rifle Assoziation) versprochen, dass die Verteidigung des zweiten Verfassungszusatzes, wonach jeder Bürger das Recht hat, Waffen zu besitzen und zu tragen, eines seiner hehrsten Ziele sei und er nur Richter einsetzen werde, die ein großzügiges Waffenrecht unterstützen würden. Wie wir inzwischen wissen, hat sich der Lobbyverein mit einer Wahlkampfspende von 30 Millionen $ bedankt und 5 Millionen NRA-Mitglieder gaben ihrem Präsidentschaftskandidaten mit dem bekannten Erfolg Feuerschutz. Trumps stets wiederholter Satz nach allen bisherigen Massentötungen „Jetzt ist nicht die Zeit, um über Waffengesetze zu sprechen“, könnte ihm die Wiederwahl sichern. Die gestrige Ankündigung, eventuell „Bump Stocks“ zum schnelleren Feuern zu verbieten, ist nichts als ein Schuss in die Luft.

Doch nun mal zu den anderen, den wesentlichen Zahlen des US-Waffenwahnsinns. Seit der Jahrtausendwende wurden rund eine Viertelmillion Amerikaner auf ihrem eigenen Territorium erschossen. Der verlustreichere Krieg fand also nicht in Afghanistan, Irak oder Vietnam sondern zu Hause statt. Drei der schlimmsten Massenerschießungen ereigneten sich im ersten Jahr der Trump-Präsidentschaft. In den letzten fünf Jahren seit dem Sandy-Hook-Massaker gab es an 273 Schulen 430 Tote. Während der Präsident und regionale Politiker regelmäßig von tragischen Ereignissen sprechen und zum Gebet aufrufen, wird in immer mehr Bundesstaaten den Lehrern empfohlen, sich für den Unterricht zu bewaffnen. Die NRA zeigt sich hilfreich und bietet den Lehrern kostenloses Waffentraining an. Irgendwie muss ja schließlich die Zahl der 300 Millionen im Umlauf befindlichen Schießeisen wieder zum Steigen gebracht werden.

Und wenn das immer noch nichts bringt, dann könnte der Kongress doch demnächst produktionsfördernd ein Gesetz etwas schneller verabschieden, das den Kauf von Schalldämpfern für Waffen erleichtert. Es trägt den Titel „Gesetz für besseren Gehörschutz für Waffenbesitzer“ und hat somit eine gesundheitsfördernde Wirkung nicht nur für Jäger sondern auch für tausende künftige Straftäter, denen das laute Geballer selbst auf die Nerven geht.

Nach der neunzehnten Schießerei in einer US-Schule seit Jahresbeginn gab es in der vorigen Woche eine große Schülerdemonstration. Emma Gonzales, eine der Überlebenden, fand jene schlichten Worte, die jedem Amerikaner künftig so wichtig sein sollten wie der oben zitierte Verfassungszusatz: „An alle Politiker, die Spenden von der NRA bekommen haben – Schämen Sie sich!“

Die Kolumne erschien zeitgleich in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau.

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