Staeck in Michas Lädle

Hommage an einen Provokateur
Von Kathrin Wesely, Stuttgarter Zeitung, 19.2.2018
In Michas Lädle im Stuttgarter Westen ist bis Anfang April eine Ausstellung mit Motiven von Klaus Staeck zu sehen.

Klaus Fabricius arrangiert seine Collage aus Staeck-Motiven in dem Schaufenster von Michas Lädle. Foto: Kathrin Wesely

Stuttgart-Süd – Anlässlich seines 80. Geburtstages widmet das Museum Folkwang in Essen dem Grafiker, Verleger, Plakatkünstler und Juristen Klaus Staeck eine große Retrospektive und Michas Lädle an der Ecke Weißenburg-/Heusteigstraße ein Schaufenster. Noch bis zur Vernissage am Freitag, 23. Februar, um 17 Uhr, wird im Schaufenster von Michael Schmidts Tabak- und Zeitschriftenladen hinter zugezogenen Vorhängen gebosselt. Dann ist Vernissage und alle dürfen gucken.

Er macht’s wie die BILD
In den Wochen zuvor hat der Stuttgarter Künstler und Nachbar, Klaus Fabricius, eine Collage aus Staecks Werken erstellt, Plakate aufgehängt, Buch- und Zeitschriftenseiten herausgerissen und arrangiert. Die Schrifttypen wirken mitunter antiquiert, das Papier vergilbt. Umso mehr überrascht die Aktualität manchen Blattes – etwa zur Wohnungsbaupolitik oder zum Thema Sexismus. Fabricius liebt diese laute Art: „Er macht’s wie die Bild-Zeitung, er haut’s einfach raus!“
Beim Stil endet aber auch schon die Parallele zum Boulevard. Staecks Kunst ist stets politisch, sie ist Übertreibung, Spott, Verzerrung – kurz: Satire. Seit den 1960er Jahren kommentiert er gesellschaftliche Themen, Missstände, Krisen. Er ist seit 1960 SPD-Mitglied, war Präsident der Berliner Akademie der Künste und ist seit 2004 Mitglied des Kultursenats des Landes Sachsen-Anhalt. Kunst und Politik halten sich bei Staeck immer in den Armen. Was ihn umtreibt in Politik, Gesellschaft, Kunst und Wirtschaft macht er zum Thema. „Das tut er äußerst pointiert, spöttisch, scharfzüngig, mit feiner Ironie, hintergründig, witzig und frech bis bitterböse. Als Plakatgestalter ist er ein genialer Wort-Bild-Finder. Er provoziert und regt damit zum Nachdenken an, Schmunzeln und Erstaunen inklusive“, schreibt das Folkwang-Museum.

Billiger als in Öl
Klaus Fabricius sieht diese Art der Kunst vom Aussterben bedroht. „In diese Richtung sind nur noch wenige unterwegs.“ Dabei hätte sie den Menschen heute noch so viel zu sagen, ist Fabricius überzeugt. „Staeck hinterfragt kritisch und zwingt den Betrachter dazu, sich eine Meinung zu bilden.“ Dass der Stil mitunter angestaubt wirkt, lässt Fabricius nicht gelten: „Alt oder Neu sind doch keine Kategorien in der Kunst! Man geht ja auch in die Staatsgalerie, schaut sich mittelalterliche Meister an und sagt dann: ‚Bäh, das ist ja alt!‘ Es gibt nur gute und schlechte Kunst.“
Der Ausstellungsmacher Fabricius schätzt am Künstlerkollegen Staeck dessen Treue zum politischen Sujet und zu den „billigen“ druckgrafischen Medien, mit denen sich weit weniger Geld verdienen lasse als mit politischen Statements in Öl und Acryl wie jene von Sigmar Polke, Martin Kippenberger oder Gerhard Richter. „Staecks Kunst ist nicht für den Kunstmarkt gemacht, sondern für den Betrachter“. Diese können von Freitag, 23. Februar, an in der Weißenburgstraße 8 zu jeder Tages- und Nachtzeit kostenlos nähertreten und ins Schaufenster gucken.

Staeck im Schaufenster von „Michas Lädle“ in Stuttgart. Foto Klaus Fabricius

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Beiträge zur Schaufenster-Ausstellung „Klaus Staeck – Nichts ist erledigt“, die im September 2017 in Michas Lädle gezeigt wurde:

kontext, 30.08.2017
Kunst im Kiosk
Von Oliver Stenzel,

Zur Bundestagswahl zeigt eine kleine Schau satirische Plakate eines Ausnahmekünstlers. Klaus Staecks Werke aus fünf Jahrzehnten sind faszinierend aktuell. „Nichts ist erledigt!“ lautet denn auch der Titel der Ausstellung. Zu sehen ist sie in „Michas Lädle“, einem Kiosk im Stuttgarter Heusteigviertel.

Wohl selten hat man deutsche Parlamentarier in so handgreiflicher Rage erlebt. Am 30. März 1976 stürmten mehrere Unions-Bundestagsabgeordnete, darunter der damalige Fraktionsgeschäftsführer und spätere Bundestagspräsident Philipp Jenninger, in die Räume der Parlamentarischen Gesellschaft in Bonn, rissen mehrere Plakate von Klaus Staeck von der Wand, zerfetzten sie und traten sie mit den Füßen. Wie mit einer Trophäe posierte Jenninger, von „politischer Pornographie“ schäumend, für die Fotografen mit einem Plakat, das ihn und seine Kollegen besonders erbost hatte: Ein Foto von Gefangenen aus dem Fußballstadion von Santiago de Chile, das nach dem Putsch Augusto Pinochets 1973 als Konzentrationslager diente, darüber der Satz des früheren CDU-Generalsekretärs Bruno Heck: „Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm“. Dazu in großen, roten Lettern Staecks polemischer Kommentar: „Seit Chile wissen wir, was die CDU von Demokratie hält.“
Das Ereignis, das als „Bonner Bildersturm“ bekannt wurde, hatte für Jenninger eine Verurteilung zur Schadensersatzzahlung an Staeck von 10 Mark plus 35 Mark Anwaltskosten und 18 Mark Gerichtskosten zur Folge. Zugleich zeigte es einmal mehr das Provokationspotenzial von Staecks Fotomontagen und die Treffsicherheit, mit der er Pressefotos, Motive der Bildenden Kunst oder Fotomontagen mit satirischen Statements zu pointierten politischen Kommentaren zu kombinieren verstand. Immer plakativ, aber selten platt.

Einer der bekanntesten deutschen Künstler war Staeck freilich schon vor dem „Bildersturm“, sein nach wie vor bekanntestes Motiv war da schon vier Jahre alt: eine futuristische Villa mit dem Spruch „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!“ Das Plakat von 1972 kannten, zumindest laut einer repräsentativen Umfrage nach der Bundestagswahl im gleichen Jahr, neun Prozent aller Erwachsenen in Deutschland. Es war eine Reaktion Staecks auf eine Kampagne der CDU gegen die SPD gewesen, im Rahmen derer den Sozialdemokraten auch unterstellt wurde, sie würden nicht davor zurückschrecken, den Leuten ihr Häuschen wegzunehmen. „Die satirische Übertreibung bis ins Absurde schien mir die angemessenste und effektivste Antwort auf diese bösartige Kampagne“, findet der 79- Jährige noch heute.

So witzig viele Staeck-Motive auf den ersten Blick sind, als Teil einer „Spaßguerilla“ hat er sich nie verstanden, denn das habe mit Satire nichts zu tun, betont Staeck. „Satiriker sind in der Regel ernsthafte Leute“, sagt der Künstler. „Meine Definition von Satire ist: Den unverschuldet Schwachen gegen die Übermacht der Starken helfen.“ Die Starken, darunter die CDU oder der Rüstungskonzern Rheinmetall, hatten 41 Mal versucht, Plakate oder Postkarten von Staeck verbieten zu lassen – immer erfolglos. Mittlerweile seien solche Reaktionen auf seine Werke aber selten, sagt Staeck, „die Leute haben gemerkt, dass es für sie kontraproduktiv ist.“

Und auch die ideologischen Gräben scheinen nicht mehr so tief wie in den Siebzigern. 2009 betonte der einst als „Hetzplakat-Graphiker“ und „Politischer Pornograph“ gescholtene Künstler, mittlerweile auch in den Reihen der CDU akzeptiert zu sein. Staeck, der von 2006 bis 2015 Präsident der Berliner Akademie der Künste war, entwirft freilich unverdrossen weiter Plakate, seine routinierte Handschrift ist auch bei neuen Motiven zu AfD oder der Finanzkrise unverkennbar. Fast noch interessanter ist, wie zeitgemäß viele seiner Plakate aus den Siebziger und Achtziger Jahren heute immer noch wirken, ob Polemiken gegen den Kapitalismus und zum Gegensatz von Arm und Reich oder Kommentare zu Militarismus oder Umweltverschmutzung.

„Nichts ist erledigt!“ heißt denn auch programmatisch eine am kommenden Freitag, den 1. September beginnende Stuttgarter Schau von Staecks Plakaten. „Es sind Plakate zu gesellschaftlichen und politischen Themen, die sich satirisch und bissig zeigen und an Gültigkeit nichts verloren haben“, findet der Stuttgarter Künstler und ehemalige Galerist Klaus Fabricius, der die rund 30 Motive gemeinsam mit Michael Schmidt ausgewählt hat, seines Zeichens Kioskinhaber.

Kioskinhaber? Staecks Plakate hängen nicht in einem Museum oder in einer Galerie, sondern im Schreibwaren- und Tabakwarenladen „Michas Lädle“ im Heusteigviertel. Ein Ort, der in seiner Treffpunktfunktion fürs Viertel etwas an den Brooklyner Tabakladen in Wayne Wangs Film „Smoke“ von 1995 erinnert, wobei Betreiber Micha Schmidt deutlich mehr Herzlichkeit und gute Laune verströmt als der von Harvey Keitel eher stoisch gespielte Ladenbesitzer Auggie Wren. Fabricius wohnt direkt nebenan, und auf dessen Idee hin funktionierte Schmidt im Juni 2016 seine Schaufenster erstmals zur Galerie um.

Seitdem waren hier schon Werke des Stuttgarter Streetart-Künstlers Fred Collant oder des Fotografen Uwe Dietz zu sehen, Leuten aus dem Freundeskreis von Schmidt und Fabricius, denen die beiden eine Plattform bieten wollen. Daneben aber auch größere Namen, so standen im Schaufenster auch schon Druckgrafiken des Hamburger Künstlers Horst Janssen (1929-

1995). „Das Ziel ist, im Viertel was zu bewegen“, sagt Fabricius, und das mittels einer Präsentationsform, die 24 Stunden am Tag ohne Eintrittspreis jedem zugänglich ist, beim Vorbeigehen und Einkaufen auch von Menschen wahrgenommen wird, die sonst wenig mit Kunst am Hut haben.

Der Zeitpunkt für die neue Schau kommt nicht von ungefähr: Staecks Plakate seien „genau das Richtige zur Bundestagswahl“, so Fabricius, denn die bedürfe endlich „echter Plakate, die etwas hinterfragen und kritisch sind.“ Auch der Kioskinhaber Schmidt ist fasziniert davon, „dass wir von Staeck einfach Plakate aus den Siebzigern nehmen können, und es ist immer noch aktuell.“ Bis zum Wahlsonntag am 24. September soll die Schau zu sehen sein.

Staeck selbst ist von dem unorthodoxen Ausstellungsort und -konzept ebenfalls angetan: „Ich unterstütze alle kleinen Läden, solange sie noch nicht in einer großen Kette aufgegangen sind.“ Für die Schau gestaltete er eigens ein Motiv mit dem Ausstellungstitel „Nichts ist erledigt!“. „Unser Konzept ist low-budget, und Staecks Kunst ist auch low-budget“, kommentiert Fabricius – statt hoher Einzelwerkpreise ging es Staeck immer um die möglichst weite Verbreitung seiner Botschaften auf Plakaten und Postkarten. Die werden nun auch bei Michas Lädle zu moderaten Preisen zu erwerben sein.

Ob er es aber selbst zur Schaufenster-Schau schaffe, weiß der Künstler noch nicht. Staeck, seit 1960 SPD-Mitglied, ist viel unterwegs für die Wählerinitiative „Aktion für mehr Demokratie“, die er 1979 mitgegründet hat. Dazu gehört auch ein Termin an diesem Mittwoch, den 30. August, in Stuttgart: Mit SPD-Landeschefin Leni Breymeier, Werner Schretzmeier und Peter Grohmann diskutiert Staeck im Theaterhaus „Über Gerechtigkeit“.

Für „Michas Lädle“ wird es wohl nicht die letzte Staeck-Schau sein. Zum 80. Geburtstag des Künstlers am 28. Februar 2018 ist schon etwas geplant. Nicht der schlechteste Anlass, gelegentlich dort vorbeizuschauen und sich neben Zeitungen, Getränken, Zigaretten oder einem Schwätzchen auch einen Happen Kunst zu genehmigen.

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