„Ich sage nichts, aber das mit Nachdruck”

Silke Arning im Gespräch mit Klaus Staeck, SWR2 Treffpunkt Klassik am 26.2.2021

Interview im SWR2

Seit den 60er Jahren begleitet der Heidelberger Plakatkünstler, Jurist und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste satirisch das politische und gesellschaftliche Geschehen in der Bundesrepublik. Seine Plakate haben manch einen Politiker zur Weißglut gebracht und sind bis heute aktuell. Auch im Alter von 83 Jahren kämpft Klaus Staeck für die Demokratie, sein politisches Engagement ist ungebrochen.

Für Gerhard Steidl

Mit Gerhard Steidl 1983 in Bonn. Foto Franz Fischer
Mit Gerhard Steidl 1983 in Bonn. Foto: Franz Fischer

Gerhard Steidl ist auch deshalb so erfolgreich, weil er ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn ist, der den 8-Stunden Tag nie für sich reklamiert hat. Er hat stets betont, dass er in der Arbeit mit seinen Autoren und Künstlern eine dienende Rolle sieht. Als risikobereiter Verleger und genialer Drucker ist er mit seinem „Imperium“ ein Glücksfall für die Kunst und ihre Vermittlung. An der überaus breiten Öffentlichkeit für meine Plakate und Aktionen hat er einen wesentlichen Anteil. Ohne sein organisatorisches Geschick hätten wir mit unserer „Aktion für mehr Demokratie“ im Dienste der politischen Aufklärung über all die Jahre nicht die  größten Hallen der Republik auf eigenes Risiko mieten und bespielen können. Ich wünsche ihm – und damit auch uns – noch viele Jahre voller Energie und  schöpferische Kraft in schwierigen Zeiten. Unser gemeinsamer Arbeitsfreund Joseph Beuys hätte gesagt: „70 ist doch noch kein Alter.“

Klaus Staeck, Heidelberg, 22. November 2020

Quelle: dpa-Gespräch

Lockdown der Kultur

INTERVIEW ZU NEUEN CORONA-BESCHRÄNKUNGEN

Deutsche Welle, 29.10.2020
Autor Stefan Dege

„Viele Künstler werden nicht überleben“
Die Schließung trifft Kinos, Theater und Museen hart. Klaus Staeck, Plakatkünstler und früherer Präsident der Akademie der Künste, warnt vor den Folgen.

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Oskar Negt zur Corona-Krise

In einem Interview, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 27.05.2020, beschreibt der Sozialphilosoph seine Beobachtungen, wie die Kontaktbeschränkungen neue Formen von Öffentlichkeit schaffen. Die Corona-Krise könne auch als soziologisches Experiment begriffen werden.

Oskar Negt, geb. 1934, studierte in Frankfurt bei Max Horkheimer, promovierte bei Theodor W. Adorno und war Assistent von Jürgen Habermas. Von 1970 bis 2002 hatte Negt eine Professor für Soziologie in Hannover. 

Aus dem Interview, das Daniel Behrendt mit Oskar Negt führte:

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Rolf Hochhuth gestorben

Zum Tode von Rolf Hochhuth hat es an ehrenden Nachrufen wahrlich nicht gefehlt. Dennoch changierten die postumen Urteile über den Dramatiker von „Lautsprecher“, einen der „hitzigsten Köpfe“ bis zu „Don Quichote“ und „unser Luther?“, dem „Theateraufklärer und Wutbürger“. Rolf Hochhuth gestorben weiterlesen

Klaus Staeck über Günther Uecker:

„Er hat das Material zur Kunst erhoben“

Klaus Staeck im Gespräch mit Eckhard Roelcke, DLF, 13.04.2020
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Der durch seine Nagelbilder weltberühmt gewordene Objektkünstler Günther Uecker steht in am 04.März 2020 in seinem Düsseldorfer Atelier. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Der durch seine Nagelbilder weltberühmt gewordene Objektkünstler Günther Uecker feiert am 13. März 2020 seinen 90. Geburtstag. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Bilder aus Nägeln: Dafür ist Günther Uecker berühmt – und darauf wird er oft reduziert. Doch damit werde man seinem Schaffen nicht gerecht, sagt der Grafiker und Verleger Klaus Staeck über den Künstler, der heute seinen 90. Geburtstag feiert.

Es sei nicht alltäglich gewesen, dass jemand mit Nägeln so emotional seine Möglichkeiten ausdrücken konnte wie Günther Uecker, sagt Klaus Staeck über seine erste Begegnung mit dessen Kunst in den 1960er-Jahren. Der Grafikdesigner und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste stammt aus Ostdeutschland und ist, wie Uecker, aus der DDR geflüchtet. Staeck hat als Verleger mit Uecker zusammengearbeitet.

Die Skulptur "Großer Wald" von Günther Uecker besteht aus Baumstämmen, in die Nägel geschlagen wurden. Aufnahme aus der St. Georgen Kirche in Wismar.  (imago images / Norbert Fellechner)

Die Nagelskulptur „Großer Wald“ von Günther Uecker (imago images / Norbert Fellechner)

Uecker werde viel zu sehr auf seine Nagelbilder reduziert. Damit werde man seinem Schaffen nicht gerecht. So gebe es Arbeiten mit verschiedenen Werkstoffen, etwa mit Stein, wie die Sanduhr, sagt Staeck: „Er ist wirklich ein ‚Material‘-Künstler, der das Material zur Kunst erhoben hat.“

Aschebilder nach Tschernobyl

Uecker stelle seine Kunst zwar nicht in den Dienst der Tagespolitik. Aber Ueckers Aktionen, wie etwa die Aschebilder zur Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder die Briefeaktion nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 zeige, wie sehr er aktiv als Künstler am politischen Leben teilnehme.

Der überkonfessioneller Andachtsraum des Deutscher Bundestags wurde 1999 von Günther Uecker gestaltet - an der Rückwand Nagelbilder des Künstlers.   (imago images / epd)

Von Günther Uecker gestalteter Andachtsraum des Bundestags (imago images / epd)

Uecker und Staeck stammen beide aus Ostdeutschland, doch dass sei nicht die einzige Grundlage für eine enge Verbundenheit, sagt Staeck:

„Ich glaube uns verbindet schon durch unsere gemeinsame Vergangenheit eine Freundschaft, die sich auch um die Dinge des Lebens kümmert. Ökologie ist etwas, was uns alle nun wirklich betrifft. Er hat ganz früh auch zu diesen Themen gearbeitet. Von daher: ein großer Künstler.“

Quelle: Deutschlandfunk

Freimut Duve

Erinnerung an einen wehrhaften Demokraten

Der Verleger, Publizist, Politiker und Freund Freimut Duve ist am 4. März 2020 gestorben. Die Deutschen Sozialdemokraten verlieren einen ihrer großen Intellektuellen, der nicht nur als erfolgreicher Herausgeber der populären Reihe rororo-aktuell in Erinnerung bleiben wird. Für seinen Hamburger Wahlkreis übernahm er achtzehn Jahre lang ein Bundestagsmandat und als kulturpolitischer Sprecher der Fraktion prägte er zu diesen Zeiten nicht unwesentlich das Antlitz der Partei. 

Sein Programm als Verleger, brachte mir wesentliche Anregungen für meine lebenslange Beschäftigung mit den großen ökologischen Problemen der Industriegesellschaft. Der Preis des Wachstums einer prosperierenden Wirtschaft in der Bundesrepublik wurde in einer ganzen Reihe der populären Rowohlt-Taschenbücher einer großen Leserschaft vorgerechnet.

Gemeinsam mit Heinrich Böll brachten wir zu dritt im Jahr 1977 die „Briefe zur Verteidigung der Republik“ heraus. Es war die Antwort auf die hysterische Stimmung, mit der seinerzeit von Behörden, Politikern und Medien wie der BILD-Zeitung aufrechte Demokraten im linken Spektrum als „Sympathisanten“ radikaler Gruppen in der Gesellschaft ausgegrenzt werden sollten. Es war uns gelungen, eine exzellente Liste von Autoren für die Veröffentlichung ihrer Texte in unserem Band zu gewinnen, der schon im Jahr des Erscheinens sieben Auflagen erlebte. 

Außer uns Herausgebern schrieben Carl Amery, Nicolas Born, Marion Gräfin Dönhoff, Axel Eggebrecht, Iring Fetscher, Helmut Gollwitzer, Jürgen Habermas, Hartmut von Hentig, Dieter Hildebrandt, Walter Jens, Ulrich Klug, Dieter Kühn, Siegfried Lenz, Jürgen Manthey, Alexander und Margarete Mitscherlich, Oskar Negt, Hans Erich Nossack, Fritz Sänger, Richard Schmid, Dorothee Solle, Carola Stern, Ernst Tugendhat und Martin Walser. Günter Grass, Alfred Grosser und Fritz J. Raddatz dokumentierten ihr „Gespräch über eine schwierige Nachbarschaft“.

Freimut Duve übernahm 1998 für mehrere Jahre das Amt des Beauftragten der OSZE für die Freiheit der Medien. Bis zu seiner schweren Krankheit war er unermüdlich in seinem Engagement zur Wahrung der Demokratie.

Klaus Staeck

„Manche Dinge darf man wirklich nicht sagen“

Stuttgarter Zeitung, 9.12.2019
Von Sabine Fischer

Plakatkünstler Klaus Staeck bei der 25. Filmschau Baden Württemberg

41 Prozesse hat der politische Satiriker Klaus Staeck im Laufe seiner Karriere gewonnen. Mit dem Slogan „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kann er dennoch nichts anfangen – er hält ihn gar für eine Verhöhnung der Meinungsfreiheit.

Klaus Staeck hat mit seinen Plakaten immer wieder erfolgreich provoziert.
Foto: Manfred Mayer

Stuttgart – Klaus Staeck landete 41 mal vor Gericht auf der Anklagebank. Der Mann kann ein Lied davon singen, wie es ist, mit Kunst anzuecken. In den 70er Jahren machte er das Plakat zur satirischen Form, gegen den Widerstand seiner Gegner. Bei der 25. Filmschau Baden-Württemberg, die am Sonntag zu Ende ging, hatte der 81-Jährige einen Auftritt, vor dem er sich im Metropol-Kino zuallererst mehrere Ausgaben der Festivalzeitung einpackte – für sein Archiv.

„Ich bin ein Kind des Papierzeitalters und hänge am Papier“, gibt Staeck zu. „Wenn ich heute einsteigen würde, würde ich immer noch Plakate als Medium wählen, um meine Botschaften zu verbreiten. Aber vermutlich hätte ich inzwischen auch einen eigenen Instagram-Kanal.“
„Bilder irritieren mehr als Worte“
Auf den Freitagsdemonstrationen der Klimabewegung zeige sich die Macht der Plakate: „Die Aktivistinnen und Aktivisten tragen Transparente – und in den Zeitungen werden wiederum nicht nur die Menschen, sondern vor allem ihre Plakate abgebildet. Das zeigt: Bilder haben eine größere Chance, zu irritieren, als das gesprochene Wort“, so Staeck.
Trotzdem stehen Satiriker heute vor Fragen, die Staeck sich einst eher nicht stellen musste. Wie verschafft man seinem Anliegen noch Aufmerksamkeit in einer Welt, in der Millionen von Menschen täglich online um sie buhlen? Ist es gerechtfertigt, Tabus zu brechen, um sich ins Gespräch zu bringen? Staeck ist nachdenklich. Das Zentrum für politische Schönheit zum Beispiel nutze Methoden, die er selbst so nicht verwenden würde. „Aber das ist keine Distanzierung. Das ist eine andere Generation, die unter dem Diktat der Öffentlichkeit steht. Ich konnte damals mit relativ einfachen Mitteln Aufmerksamkeit schaffen. Heute muss man dafür ganz andere Wege gehen.“
Es gibt Grenzen des Sagbaren: die deutschen Gesetze
Dennoch gibt es für den heute 81-Jährigen klare Grenzen – und das nicht nur für Satiriker. Staeck selbst ist ein eingefleischter Verfechter der Meinungsfreiheit: „Sie ist ein hohes Gut und wird vor Gericht sehr ernst genommen.“ In einer Demokratie müsse man sich wehren dürfen. Doch die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Mentalität rechter Gruppierungen lehnt Staeck klar ab. „Bei allem, was gesagt werden darf, gibt es Grenzen: unsere Gesetze“, sagt der Satiriker. Wer zum Beispiel den Holocaust leugne, begehe schlicht eine Straftat. „Wer uns weiß machen möchte, es gefährde die Meinungsfreiheit, seine Lügen nicht öffentlich verbreiten zu dürfen, missbraucht die Meinungsfreiheit. Denn: Nein, manche Sachen darf man wirklich nicht sagen. Weil sie Unrecht sind. Weil sie falsch sind.“

Rassismus ist keine Kleinigkeit

Deutschlandradio Kultur, Sendung FAZIT | Beitrag vom 12.07.2019
SPD-Mitglied Klaus Staeck zum „Fall Sarrazin“
„Rassismus ist keine Kleinigkeit“
Klaus Staeck im Gespräch mit Britta Bürger

Im dritten Anlauf hat die Schiedskommission des Parteigericht den Weg für einen Ausschluss von Thilo Sarrazin aus der SPD freigemacht. Dieser kündigte an, in Berufung zu gehen. Die SPD müsse ihre Grundsätze verteidigen, meint Klaus Staeck.
„Wir wären eine arme Partei, wenn wir uns alles bieten ließen“, erklärt Klaus Staeck, ehemaliger Präsident der Akademie der Künste, Grafikdesigner, Jurist und SPD-Mitglied seit 1960, zum möglichen Ausschluss von Thilo Sarrazin. Es sei richtig, dass das Verfahren zumindest eröffnet wird – dabei sei es egal, ob es der Partei nützt oder schadet: „Eine Partei ist nun mal so, wie sie sich selbst definiert: eine Wertegemeinschaft. Und dagegen hat Sarrazin schon in erheblichem Maße verstoßen.“

Klaus Staeck sagt, die SPD sei kein „Briefmarkensammlerverein“ und dürfe sich nicht alles bieten lassen.

„Rassismus ist keine Kleinigkeit in dieser Gesellschaft. Und in all seinen Büchern und Ausführungen – Interview im Spiegel, etc. – wiederholt er immer dieselben Thesen, dass also nun die Überfremdung des deutschen Volkes stattfinde, dass die Ausländer mit ihren vielen Kindern daran Schuld seien, dass wir uns nicht mehr im eigenen Land wohlfühlen und all diesen Unsinn.“ Damit verletze Sarrazin Werte, für die auch Staeck seit vielen Jahren stehe.

Ein ehrenwerter Kampf für Solidarität

Ein möglicher Ausschluss Sarrazins habe dabei nichts mit mangelnder Toleranz für andere Meinungen innerhalb der SPD zu tun. Vielmehr müsse es einen Zusammenhang geben mit den anderen Mitgliedern der Partei. Es gebe eine Art von Feigheit, die sich als Toleranz tarne. „Nicht alles ist in einer Gruppe möglich, was man privat sagen kann. Ihm bestreitet doch niemand, dass er diese Thesen, die er nun im Übermaß verbreitet, dass er das machen kann. Aber er muss es dann künftig eben als Privatmann tun. Warum will er das unbedingt als SPD-Mitglied verbreiten?“
Auch wenn Sarrazin, der angekündigt hat, in Berufung zu gehen, dadurch mit seinen Thesen weiterhin im Rampenlicht der Medien stehen würde, gebe es nun mal Grundsätze, die man verteidigen müsse. „Sonst ist man keine Gemeinschaft mehr, die sich auf Solidarität geeinigt hat. Das ist schon, meine ich, ein ehrenwerter Kampf.“
(Text: Deutschlandradio Kultur, kpa)

Das Gespräch hören: