Oskar Negt zur Corona-Krise

In einem Interview, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 27.05.2020, beschreibt der Sozialphilosoph seine Beobachtungen, wie die Kontaktbeschränkungen neue Formen von Öffentlichkeit schaffen. Die Corona-Krise könne auch als soziologisches Experiment begriffen werden.

Oskar Negt, geb. 1934, studierte in Frankfurt bei Max Horkheimer, promovierte bei Theodor W. Adorno und war Assistent von Jürgen Habermas. Von 1970 bis 2002 hatte Negt eine Professor für Soziologie in Hannover. 

Aus dem Interview, das Daniel Behrendt mit Oskar Negt führte:

Herr Negt, was erleben wir gerade: eine vorübergehende Krise oder eine Zeitenwende?

Mir scheint, dass sich schon vorher bestehende gesellschaftliche Erosionsprozesse verschärft haben, also das Brüchigwerden etablierter Bindungen und Wertemuster. In dem Maß, in dem alte Gewissheiten und Orientierungen poröser werden, entsteht, zunächst noch tastend, ein neues Bewusstsein. Ich habe das Gefühl, dass der gegenwärtige Stillstand von Produktion und öffentlichem Leben, die Verlangsamung unseres Alltags, dazu führt, dass sich immer mehr Menschen die Frage stellen, in welchen Zusammenhängen sie eigentlich leben, in welchen Verbindungen und Abhängigkeiten sie stehen. Viele begreifen gerade womöglich zum ersten Mal wirklich, was Gesellschaft, was unsere Demokratie für sie bedeutet. Nicht nur als politische Konstruktion oder als institutionelles Geflecht, sondern als etwas mit den eigenen Lebenszusammenhängen unmittelbar Verknüpftes.

Was heißt das konkret?

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen entstehen neue Formen von Öffentlichkeit und Wegen, miteinander in Bezug zu treten. Es fing in Italien auf den Balkonen an. Menschen überwanden die politisch auferlegte Grenze zum Nachbarn durch gemeinsames Singen. In meiner Nachbarschaft in Hannover spielt ein Klavierprofessor jeden Nachmittag um 17 Uhr Jazz-Improvisationen von seinem Balkon vor wachsender Zuhörerschaft. Das sind – neben vielfältigen Formen der Nachbarschaftshilfe – nur zwei Beispiele, auf welch spontane, mitunter unkonventionelle Weise Menschen derzeit Beziehungen zueinander herstellen. Inmitten aller Beschränkungen entsteht eine neue Freiheit, die uns die Möglichkeit eröffnet, aus dem Erprobten, Konventionellen auszuscheren. Und das hat viel mit Mündigkeit, mit gelebter Demokratie zu tun.

( …)

Wird dieses Bewusstsein die Krise überdauern?

Zumindest wird etwas hängenbleiben, da bin ich mir sicher. Weil die Menschen in dieser außergewöhnlichen Situation, für die es ja keine Blaupause gibt, stärker denn je aus eigener, authentischer Erfahrung lernen. Und dieser Erfahrungsbezug ist der stärkste Motor für nachhaltige Veränderung.

Welche Hoffnung weckt das in Ihnen?

Dass wir Alternativen zur bestehenden Ordnung erkennen und ergreifen lernen. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die nicht förderlich ist für Solidarität, sondern auf der Schädigung und Ausgrenzung des Nächsten gründet. Es ist eine in ihren Grundzügen räuberische Gesellschaft. Die Corona-Krise, die eine Herausforderung, gewissermaßen eine Lernprovokation ist, lehrt uns Zusammenhalt. Wir entdecken zugleich, was wir dem Gemeinwesen, was wir unseren Mitmenschen geben können. Wir begreifen, dass Teilen eine weit bessere Krisenbewältigungsstrategie ist als Raffen, als etwa die Akkumulation von Klopapierrollen. Natürlich ist der Ausgang dieser Krise längst noch nicht absehbar. Aber ich habe Hoffnung, dass dieser Zusammenhalt bleibt. Getrübt wird meine Zuversicht allerdings von einer großen Sorge: Dass eine Gewöhnung an den Zustand der Einschränkung wesentlicher Grundrechte stattfindet – und damit dem möglichen Missbrauch berechtigter Ängste durch antidemokratische Kräfte Tür und Tor geöffnet wird.

Das ganze Interview können Sie hier in der Frankfurter Rundschau lesen.

Rolf Hochhuth gestorben

Zum Tode von Rolf Hochhuth hat es an ehrenden Nachrufen wahrlich nicht gefehlt. Dennoch changierten die postumen Urteile über den Dramatiker von „Lautsprecher“, einen der „hitzigsten Köpfe“ bis zu „Don Quichote“ und „unser Luther?“, dem „Theateraufklärer und Wutbürger“. Für mich war er stets der Demokrat, der sich zu verteidigen wußte, der vor allem die Barbarei der Nationalsozialisten zum Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit machte. Der Elfenbeinturm war ihm fremd. Mit feinem Gespür bewegte er sich steinewälzend in den Untiefen der Gesellschaft – war Angreifer, kein Besänftiger, wenn Ungerechtigkeit und Verdrängung auf seine Antworten warteten.

„Der Stellvertreter“, Plakat 2001

Auf Arbeitsebene sind wir uns persönlich 2001 das erste Mal begegnet, als er mich um ein Plakat für seinen „Stellvertreter“ im Berliner Ensemble bat. Es war die Art unseres streitbaren politischen Vorgehens ohne Risikorückversicherung, die es mit sich brachte, dass wir in dem Hamburger Rechtsanwalt Heinrich Senfft den gleichen engagierten Verteidiger gefunden hatten, der uns in diversen Auseinandersetzungen juristisch vertrat. Ich war 1972 vom bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß wegen meines Plakates „Juso beißt wehrloses Kind“ erfolglos verklagt worden. Hochhuth hatte 1979 den baden-württembergischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Marinerichter Hans Georg Filbinger in der „ZEIT“ als „furchtbaren Juristen“ bezeichnet, ohne zunächst den Vorwurf konkret zu belegen. Während die Besorgten sogleich zum Vergleich wenn nicht gar zum Widerruf rieten, erbat sich Hochhuth wenige Tage Bedenkzeit.
In Kenntnis der verbürgten deutschen Bürokratie machte er sich auf die Suche nach Todesurteilen, die Filbinger noch nach der Kapitulation gefällt hatte. Davon überzeugt, dass derartige Schriftstücke hierzulande irgendwo aufbewahrt werden, führte ihn sein Weg schließlich ins Bundesarchiv nach Koblenz. Hier begrüßte ihn ein Mitarbeiter mit den Worten: „Wir wissen, was Sie suchen!“, ging ins Archiv und kam mit einem Stapel Akten zurück – darunter das Todesurteil gegen den Matrosen Gröger. Von sich aus könnten die Beamten der Behörde nicht tätig werden, aber auf Nachfragen antworten.

Zu einer denkwürdigen Begegnung mit mehreren Beteiligten kam es, als der Berliner Staatssekretär André Schmitz in seiner Privatwohnung den Versuch einer „Friedenskonferenz“ unternahm. Die um das Berliner Ensembleim Streit liegenden Parteien Hochhuth versus Peymann waren jeweils mit ihren Sekundanten bei Speis und Trank zu bühnenreifer Redeschlacht angetreten. Als Akademiepräsident hatte Schmitz mir die Rolle des Friedensrichters zugewiesen. Auch wenn sich beide Seiten an diesem Abend wortreich ihrer jeweiligen fachlichen Hochachtung versicherten – zu einer tragfähigen Lösung kam es nicht.

Was ich an Rolf Hochhuth immer geschätzt habe, war seine Beharrlichkeit in der Verfolgung eines einmal gesteckten Ziels bei seinen vielfältigen Aktivitäten jenseits des Theaters. Dazu gehörte sein Engagement , um für den Hitler-Attentäter Georg Elser in der Hauptstadt einen Ort der Erinnerung zu schaffen. Hochhuth scheute weder die Mühen der Ebenen noch die der Bürokratie, um an prominenter Stelle in der Berliner Wilhelmstraße ein Denkmal mit dem Profil Elsers in Form einer Stele durchzukämpfen.
Er ist der unermüdliche Aufklärer, der unruhige Freund, der nicht nur mir fehlen wird.

Klaus Staeck, 16. Mai 2020

Klaus Staeck über Günther Uecker:

„Er hat das Material zur Kunst erhoben“

Klaus Staeck im Gespräch mit Eckhard Roelcke, DLF, 13.04.2020
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Der durch seine Nagelbilder weltberühmt gewordene Objektkünstler Günther Uecker steht in am 04.März 2020 in seinem Düsseldorfer Atelier. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Der durch seine Nagelbilder weltberühmt gewordene Objektkünstler Günther Uecker feiert am 13. März 2020 seinen 90. Geburtstag. (dpa / picture alliance / Horst Ossinger)

Bilder aus Nägeln: Dafür ist Günther Uecker berühmt – und darauf wird er oft reduziert. Doch damit werde man seinem Schaffen nicht gerecht, sagt der Grafiker und Verleger Klaus Staeck über den Künstler, der heute seinen 90. Geburtstag feiert.

Es sei nicht alltäglich gewesen, dass jemand mit Nägeln so emotional seine Möglichkeiten ausdrücken konnte wie Günther Uecker, sagt Klaus Staeck über seine erste Begegnung mit dessen Kunst in den 1960er-Jahren. Der Grafikdesigner und ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste stammt aus Ostdeutschland und ist, wie Uecker, aus der DDR geflüchtet. Staeck hat als Verleger mit Uecker zusammengearbeitet.

Die Skulptur "Großer Wald" von Günther Uecker besteht aus Baumstämmen, in die Nägel geschlagen wurden. Aufnahme aus der St. Georgen Kirche in Wismar.  (imago images / Norbert Fellechner)

Die Nagelskulptur „Großer Wald“ von Günther Uecker (imago images / Norbert Fellechner)

Uecker werde viel zu sehr auf seine Nagelbilder reduziert. Damit werde man seinem Schaffen nicht gerecht. So gebe es Arbeiten mit verschiedenen Werkstoffen, etwa mit Stein, wie die Sanduhr, sagt Staeck: „Er ist wirklich ein ‚Material‘-Künstler, der das Material zur Kunst erhoben hat.“

Aschebilder nach Tschernobyl

Uecker stelle seine Kunst zwar nicht in den Dienst der Tagespolitik. Aber Ueckers Aktionen, wie etwa die Aschebilder zur Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder die Briefeaktion nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 zeige, wie sehr er aktiv als Künstler am politischen Leben teilnehme.

Der überkonfessioneller Andachtsraum des Deutscher Bundestags wurde 1999 von Günther Uecker gestaltet - an der Rückwand Nagelbilder des Künstlers.   (imago images / epd)

Von Günther Uecker gestalteter Andachtsraum des Bundestags (imago images / epd)

Uecker und Staeck stammen beide aus Ostdeutschland, doch dass sei nicht die einzige Grundlage für eine enge Verbundenheit, sagt Staeck:

„Ich glaube uns verbindet schon durch unsere gemeinsame Vergangenheit eine Freundschaft, die sich auch um die Dinge des Lebens kümmert. Ökologie ist etwas, was uns alle nun wirklich betrifft. Er hat ganz früh auch zu diesen Themen gearbeitet. Von daher: ein großer Künstler.“

Quelle: Deutschlandfunk

Freimut Duve

Erinnerung an einen wehrhaften Demokraten

Der Verleger, Publizist, Politiker und Freund Freimut Duve ist am 4. März 2020 gestorben. Die Deutschen Sozialdemokraten verlieren einen ihrer großen Intellektuellen, der nicht nur als erfolgreicher Herausgeber der populären Reihe rororo-aktuell in Erinnerung bleiben wird. Für seinen Hamburger Wahlkreis übernahm er achtzehn Jahre lang ein Bundestagsmandat und als kulturpolitischer Sprecher der Fraktion prägte er zu diesen Zeiten nicht unwesentlich das Antlitz der Partei. 

Sein Programm als Verleger, brachte mir wesentliche Anregungen für meine lebenslange Beschäftigung mit den großen ökologischen Problemen der Industriegesellschaft. Der Preis des Wachstums einer prosperierenden Wirtschaft in der Bundesrepublik wurde in einer ganzen Reihe der populären Rowohlt-Taschenbücher einer großen Leserschaft vorgerechnet.

Gemeinsam mit Heinrich Böll brachten wir zu dritt im Jahr 1977 die „Briefe zur Verteidigung der Republik“ heraus. Es war die Antwort auf die hysterische Stimmung, mit der seinerzeit von Behörden, Politikern und Medien wie der BILD-Zeitung aufrechte Demokraten im linken Spektrum als „Sympathisanten“ radikaler Gruppen in der Gesellschaft ausgegrenzt werden sollten. Es war uns gelungen, eine exzellente Liste von Autoren für die Veröffentlichung ihrer Texte in unserem Band zu gewinnen, der schon im Jahr des Erscheinens sieben Auflagen erlebte. 

Außer uns Herausgebern schrieben Carl Amery, Nicolas Born, Marion Gräfin Dönhoff, Axel Eggebrecht, Iring Fetscher, Helmut Gollwitzer, Jürgen Habermas, Hartmut von Hentig, Dieter Hildebrandt, Walter Jens, Ulrich Klug, Dieter Kühn, Siegfried Lenz, Jürgen Manthey, Alexander und Margarete Mitscherlich, Oskar Negt, Hans Erich Nossack, Fritz Sänger, Richard Schmid, Dorothee Solle, Carola Stern, Ernst Tugendhat und Martin Walser. Günter Grass, Alfred Grosser und Fritz J. Raddatz dokumentierten ihr „Gespräch über eine schwierige Nachbarschaft“.

Freimut Duve übernahm 1998 für mehrere Jahre das Amt des Beauftragten der OSZE für die Freiheit der Medien. Bis zu seiner schweren Krankheit war er unermüdlich in seinem Engagement zur Wahrung der Demokratie.

Klaus Staeck

„Manche Dinge darf man wirklich nicht sagen“

Stuttgarter Zeitung, 9.12.2019
Von Sabine Fischer

Plakatkünstler Klaus Staeck bei der 25. Filmschau Baden Württemberg

41 Prozesse hat der politische Satiriker Klaus Staeck im Laufe seiner Karriere gewonnen. Mit dem Slogan „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kann er dennoch nichts anfangen – er hält ihn gar für eine Verhöhnung der Meinungsfreiheit.

Klaus Staeck hat mit seinen Plakaten immer wieder erfolgreich provoziert.
Foto: Manfred Mayer

Stuttgart – Klaus Staeck landete 41 mal vor Gericht auf der Anklagebank. Der Mann kann ein Lied davon singen, wie es ist, mit Kunst anzuecken. In den 70er Jahren machte er das Plakat zur satirischen Form, gegen den Widerstand seiner Gegner. Bei der 25. Filmschau Baden-Württemberg, die am Sonntag zu Ende ging, hatte der 81-Jährige einen Auftritt, vor dem er sich im Metropol-Kino zuallererst mehrere Ausgaben der Festivalzeitung einpackte – für sein Archiv.

„Ich bin ein Kind des Papierzeitalters und hänge am Papier“, gibt Staeck zu. „Wenn ich heute einsteigen würde, würde ich immer noch Plakate als Medium wählen, um meine Botschaften zu verbreiten. Aber vermutlich hätte ich inzwischen auch einen eigenen Instagram-Kanal.“
„Bilder irritieren mehr als Worte“
Auf den Freitagsdemonstrationen der Klimabewegung zeige sich die Macht der Plakate: „Die Aktivistinnen und Aktivisten tragen Transparente – und in den Zeitungen werden wiederum nicht nur die Menschen, sondern vor allem ihre Plakate abgebildet. Das zeigt: Bilder haben eine größere Chance, zu irritieren, als das gesprochene Wort“, so Staeck.
Trotzdem stehen Satiriker heute vor Fragen, die Staeck sich einst eher nicht stellen musste. Wie verschafft man seinem Anliegen noch Aufmerksamkeit in einer Welt, in der Millionen von Menschen täglich online um sie buhlen? Ist es gerechtfertigt, Tabus zu brechen, um sich ins Gespräch zu bringen? Staeck ist nachdenklich. Das Zentrum für politische Schönheit zum Beispiel nutze Methoden, die er selbst so nicht verwenden würde. „Aber das ist keine Distanzierung. Das ist eine andere Generation, die unter dem Diktat der Öffentlichkeit steht. Ich konnte damals mit relativ einfachen Mitteln Aufmerksamkeit schaffen. Heute muss man dafür ganz andere Wege gehen.“
Es gibt Grenzen des Sagbaren: die deutschen Gesetze
Dennoch gibt es für den heute 81-Jährigen klare Grenzen – und das nicht nur für Satiriker. Staeck selbst ist ein eingefleischter Verfechter der Meinungsfreiheit: „Sie ist ein hohes Gut und wird vor Gericht sehr ernst genommen.“ In einer Demokratie müsse man sich wehren dürfen. Doch die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Mentalität rechter Gruppierungen lehnt Staeck klar ab. „Bei allem, was gesagt werden darf, gibt es Grenzen: unsere Gesetze“, sagt der Satiriker. Wer zum Beispiel den Holocaust leugne, begehe schlicht eine Straftat. „Wer uns weiß machen möchte, es gefährde die Meinungsfreiheit, seine Lügen nicht öffentlich verbreiten zu dürfen, missbraucht die Meinungsfreiheit. Denn: Nein, manche Sachen darf man wirklich nicht sagen. Weil sie Unrecht sind. Weil sie falsch sind.“

Rassismus ist keine Kleinigkeit

Deutschlandradio Kultur, Sendung FAZIT | Beitrag vom 12.07.2019
SPD-Mitglied Klaus Staeck zum „Fall Sarrazin“
„Rassismus ist keine Kleinigkeit“
Klaus Staeck im Gespräch mit Britta Bürger

Im dritten Anlauf hat die Schiedskommission des Parteigericht den Weg für einen Ausschluss von Thilo Sarrazin aus der SPD freigemacht. Dieser kündigte an, in Berufung zu gehen. Die SPD müsse ihre Grundsätze verteidigen, meint Klaus Staeck.
„Wir wären eine arme Partei, wenn wir uns alles bieten ließen“, erklärt Klaus Staeck, ehemaliger Präsident der Akademie der Künste, Grafikdesigner, Jurist und SPD-Mitglied seit 1960, zum möglichen Ausschluss von Thilo Sarrazin. Es sei richtig, dass das Verfahren zumindest eröffnet wird – dabei sei es egal, ob es der Partei nützt oder schadet: „Eine Partei ist nun mal so, wie sie sich selbst definiert: eine Wertegemeinschaft. Und dagegen hat Sarrazin schon in erheblichem Maße verstoßen.“

Klaus Staeck sagt, die SPD sei kein „Briefmarkensammlerverein“ und dürfe sich nicht alles bieten lassen.

„Rassismus ist keine Kleinigkeit in dieser Gesellschaft. Und in all seinen Büchern und Ausführungen – Interview im Spiegel, etc. – wiederholt er immer dieselben Thesen, dass also nun die Überfremdung des deutschen Volkes stattfinde, dass die Ausländer mit ihren vielen Kindern daran Schuld seien, dass wir uns nicht mehr im eigenen Land wohlfühlen und all diesen Unsinn.“ Damit verletze Sarrazin Werte, für die auch Staeck seit vielen Jahren stehe.

Ein ehrenwerter Kampf für Solidarität

Ein möglicher Ausschluss Sarrazins habe dabei nichts mit mangelnder Toleranz für andere Meinungen innerhalb der SPD zu tun. Vielmehr müsse es einen Zusammenhang geben mit den anderen Mitgliedern der Partei. Es gebe eine Art von Feigheit, die sich als Toleranz tarne. „Nicht alles ist in einer Gruppe möglich, was man privat sagen kann. Ihm bestreitet doch niemand, dass er diese Thesen, die er nun im Übermaß verbreitet, dass er das machen kann. Aber er muss es dann künftig eben als Privatmann tun. Warum will er das unbedingt als SPD-Mitglied verbreiten?“
Auch wenn Sarrazin, der angekündigt hat, in Berufung zu gehen, dadurch mit seinen Thesen weiterhin im Rampenlicht der Medien stehen würde, gebe es nun mal Grundsätze, die man verteidigen müsse. „Sonst ist man keine Gemeinschaft mehr, die sich auf Solidarität geeinigt hat. Das ist schon, meine ich, ein ehrenwerter Kampf.“
(Text: Deutschlandradio Kultur, kpa)

Das Gespräch hören:

Die politische Kompetenz des Künstlers

Laudatio auf Klaus Staeck, Träger der Richard-Benz-Medaille der Stadt Heidelberg 2018, von Jochen Hörisch

Juristen sind (wie Mediziner) in der Schriftsteller-Zunft auffallend häufig vertreten. Höhenkamm-Autoren wie Goethe, E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine, Theodor Storm, Peter Handke oder Bernhard Schlink (um nur sie zu nennen) waren beziehungsweise sind studierte Juristen mit zum Teil steilen berufsspezifischen Karrieren.
Juristen sind hingegen in der Sphäre der bildenden Kunst nur selten anzutreffen. Der Grund dafür ist schnell benannt. Juristen und Schriftsteller verfahren kasuistisch, sie sind auf Fälle, durchaus auch Ausfälle, Unfälle und Fallhöhen fokussiert; ihr gemeinsames Medium ist die Sprache. Bildende Künstler sind hingegen Sprachskeptiker; sie geben ihren Werken einen Titel (oder auch nicht), und sie signieren es (oder auch nicht) – that’s it. Ihre Werke leben vom Pathos des sprachkritischen Satzes, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte.
Viele bildende Künstler wie auch Musiker sind aus naheliegenden Gründen nicht sehr kommunikativ; Ausnahmen wie Joseph Beuys oder Richard Wagner bestätigen die Regel. Ob er so freundlich sei, seine soeben gespielte neue Sonate zu interpretieren, wurde einer bekannten Anekdote zufolge Robert Schumann gefragt. Gerne, antwortete er und spielte sie noch einmal.
Klaus Staeck ist Jurist, dem per definitionem nichts Weltliches
fremd ist, bildender Künstler und ein sprachgewandter Mann
beziehungsweise ewiger Jüngling, ein puer senex eternus. Das ist eine ungewöhnliche Konstellation. Da fehlt doch noch was in dieser Aufstellung, werden Sie, meine verehrten Damen und Herren, sagen. Und Sie haben Recht. Denn Klaus Staeck ist darüber hinaus ein ungewöhnlich souveräner Organisator; wie er über lange Jahre hinweg als Präsident die Berliner Akademie der Künste durch stürmisch bewegtes Wasser navigiert hat, wäre Grund genug für Stolz auf eine große Lebensleistung. Die Befürchtung vieler Heidelberger, Klaus Staeck könne sich aus dieser wunderbaren Stadt, in der er seit einem halben Jahrhundert lebt, in die Metropole Berlin absetzen, war glücklicherweise unbegründet. Die Verleihung der Stadtmedaille, die nach dem Heidelberg-Enthusiasten Richard Benz benannt ist, ist ein Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass Klaus Staeck zwar überall, aber eben doch besonders in Heidelberg präsent ist – also in einer Stadt, in der immer wieder die Spannungen zwischen romantischer Ästhetik und Max-Weber-Nüchternheit, Enthusiasmus und Intellektualität, Naturbegeisterung und Naturbeherrschung ausgetragen werden.
Bekannt ist Klaus Staeck nicht nur als Künstler mit einem ungewöhnlich prägnanten Werk und als ebenso umsichtiger wie entschiedener Akademie-Präsident, sondern auch als politisch hellwacher Zeitgenosse. Das ist doch nichts Besonderes, werden einige oder viele von Ihnen sagen und wiederum Recht haben. Dass Schriftsteller, bildende Künstler und Musiker sich politisch äußern und engagieren, ist nämlich nicht die Ausnahme, sondern fast schon die Regel. Nur – ich zögere, das zu sagen, gebe mir aber einen Ruck: Um die politische Urteilskraft von Künstlern ist es nicht sehr verlässlich bestellt. Keinerlei Indizien sprechen dafür, dass die politische Kompetenz von Künstlern per se größer, besser und subtiler entwickelt ist als die von anderen Berufszweigen (etwa von Studienräten, Softwareentwicklern, Handwerkern, Angestellten, Medizinern, Verkäuferinnen oder Landwirten).

Was große Schriftsteller, bildende Künstler und Komponisten politisch zum Besten gegeben haben, entsprach nicht immer dem ästhetischen Niveau ihres Oeuvres. Es genügt, einige wenige große Namen zu evozieren, um der schlichten These von der verbreiteten politischen Inkompetenz der ästhetischen Branche Nachdruck zu verleihen. Gottfried Benn, Knut Hamsun und Céline (die sich Hitler andienten), Picasso (mit seinen Stalin-Huldigungen) und Salvador Dali (mit seinen protofaschistischen Neigungen), Richard Wagner und Roger Waters (mit ihrem pathologischen Antisemitismus) haben wie viele andere Künstler mehr faszinierende Werke hervorgebracht und sich – um es zurückhaltend zu formulieren – als politisch urteilende Zeitgenossen gründlich desavouiert. Um von den reichlich vorhandenen Extrembeispielen auf weichere auszuweichen und wiederum scheu zu formulieren: Ich würde mich nicht sonderlich wohlfühlen, wenn Peter Handke und Botho Strauß, Karlheinz Stockhausen und Hans Werner Henze, Jonathan Meese und Jörg Immendorff entscheidenden Einfluss in der Politik oder gar machtvolle politische Ämter inne (gehabt) hätten. Wollen die ja auch gar nicht, werden Sie wiederum zu Recht sagen. Ab und an wollen Sie doch (wie der Romanschriftsteller Goebbels oder der expressionistische Lyriker Johannes R. Becher); ab und an geht das sogar gut (wie bei Goethe oder Malraux), aber darauf ist kein Verlass. Deshalb bleibe ich bei meiner These: Es gibt keine Gründe zu der Vermutung, dass die politische Urteilskraft von Künstlern aller Sparten derjenigen der Durchschnittspopulation signifikant überlegen ist – eher gilt das Gegenteil.

Weil dem so ist, ist Klaus Staeck ein Sonderphänomen, ja ein Unikat. Wäre er Bundeskanzler, würde ich, anders als wenn Jonathan Meese dieses Amt innehätte, nicht emigrieren. Man muss sich vergegenwärtigen, wie selten die Koinzidenz eines ästhetisch bedeutenden Werkes und sicherer politischer Urteilskraft ist, um die Sonderrolle von Klaus Staeck in der ästhetischen wie der politischen Sphäre zu ermessen. Dass er diese Sonderrolle so souverän wahrnehmen kann, hat mindestens drei Gründe. Der erste ist schnell genannt: Klaus Staeck widersteht lässig der in Künstlerkreisen verbreiteten Versuchung, eine Rolle, also eine Funktion, nicht nur ernsthaft bis heiter zu spielen, sondern sie auch zu inkarnieren. Er verzichtet ostentativ (also schon im Outfit und Auftreten) auf jede Anwandlung eines Gurus, einer auratischen Ausnahme, eines Sehers, Verkündigers oder Missionars; er, der leidenschaftlich-nüchterne Sozialdemokrat ist Bürger, Mitbürger wie andere auch. Der zweite Grund erschließt sich ebenfalls bald: Viele Künstler erheischen Aufmerksamkeit um jeden Preis und zahlen dafür einen hohen Preis. IhreBotschaften und Ausdrucksmittel sind schrill, exzentrisch, extrem, radikal, rücksichtslos, militant, zumutungsreich, schockierend. Das hat seine, wenn nicht immer guten, so doch nüchtern nachvollziehbaren Gründe. Denn die Funktion von Kunst ist es nun einmal, unwahrscheinliche bis abwegige Wahrnehmungen, Thesen und Botschaften bereitzuhalten und mit gängigen Realitätsversionen zu konfrontieren. Moderne Kunst hat dieses Spiel so erfolgreich gespielt, dass Nonkonformismen aller Art seit langem der Standardfall sind. Fast alle aufgeklärten Zeitgenossen der späten Moderne halten sich für Nonkonformisten, die dem Mainstream mutig widersprechen – so handfest erfüllt sich die von Joseph Beuys ausgesprochene Verheißung, dass jeder Mensch ein Künstler ist.
Klaus Staeck ist der leidenschaftlich kühle Analytiker dieser Paradoxie, womit wir beim dritten und wichtigsten Grund für seine Sonderstellung im ästhetisch-politischen Getriebe der Republik sind. Er bezieht seine ästhetischen wie politischen Impulse nicht aus einer forcierten Radikalität voll exzentrischer Lust an Extremen, sondern aus Respekt vor den humanistischen Werten, die selbstverständlich sein sollten, aber genau dies (zumal in Zeiten gespenstisch wiederkehrender rechtsradikaler Gefahren) offenbar nicht sind. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die ganz großen Namen der Kulturgeschichte (und insbesondere der deutschen Kulturgeschichte – prototypisch seien Goethe und Thomas Mann genannt) ihren berechtigten Ruhm gerade nicht formalen und inhaltlichen Exzentrizitäten, sondern dem Umstand verdanken, dass sie das lausible, Humane, Empathische, Aufklärende, von Zwängen aller Art Befreiende als das Bedrohte, zu Rettende, Durchzusetzende und in diesem Sinne Unkonventionelle ästhetisch reizvoll präsentiert und beworben haben. Um es zugespitzt zu sagen: Die vielen verwöhnten Köpfen langweilig erscheinende sozialdemokratische Vernunft (von der Angela Merkel ja auch weite Teile der CDU überzeugt hat) ist und bleibt das eigentlich auf- und anregende Programm. In Zeiten, in denen die Partei, der Klaus Staeck solidarisch seit Jahrzehnten verbunden ist, die Fünfprozentklausel fürchten muss, verliert die These, dass ein im Wortsinne sozialer wie demokratischer Mainstream der eigentliche Nonkonformismus ist, leider seine steil scheinenden Qualitäten.
Klaus Staecks Werk gelingt es in einer verblüffend anmutigen Weise, die viele eben deshalb als zumutungsreich bekämpfen, dem Motiv des humanistischen Mainstreams als bedrohter Außenseiteroption Ausdruck zu verleihen. Seine berühmte Plakatkunst ist so komplex wie prägnant – das muss ihm erst einmal jemand nachmachen. Das Moralische versteht sich von selbst; dass der Mensch edel, hilfreich und gut sein solle, ist beziehungsweise wäre eine höhere Trivialität, wenn sie denn die Durchsetzungskraft von Trivialitäten hätte. Doch genau dies ist zumeist nicht der Fall. Deshalb überzeugen die Werke von Klaus Staeck durch ein kluges und ästhetisch ansprechendes Verfahren. Seine Plakate sind nicht plakativ, sondern in produktiver Weise irritierend. Sie nehmen, um ein Wort von Walter Benjamin zu paraphrasieren, dem gedankenlosen Müßiggänger die wohlfeilen Meinungen und Voreingenommenheiten, indem sie sich ganz auf die Rezipienten einlassen und sie ernst nehmen. An zwei seiner berühmtesten nichtplakativen Plakate lässt sich das unschwer demonstrieren. 1972 reproduzierte Klaus Staeck einen der im kollektiven Bildgedächtnis gespeicherten Stiche Dürers – das Porträt seiner alten, von einem harten Leben gezeichneten Mutter und versah es mit der Frage: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ Pointierter, knapper, prägnanter kann Kunst, die in jedem Wortsinne bewegen und motivieren will, nicht sein. Staecks Dürer-Paraphrase versetzt, verrückt ein Bild aus seinem musealen Kontext in eine Lebenswelt, in der sich das Kunstwerk erst recht entfaltet. Denn es ermuntert und ermutigt, vermeintlich Vertrautes anders und neu zu sehen. Es verrückt verrückte Maßstäbe. Das gelingt auch dem berühmtesten Plakat von Klaus Staeck: „Deutsche Arbeiter!“ steht da in Frakturschrift zu lesen. „Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“ steht sodann in moderner Schrifttype zu lesen. Unter diesem Satz, der es bei aller Kürze versteht, kindisch irrationale Signale der politischen Wahlkampfsprache offenzulegen (es heißt ja kindersprachlich und sandkastenpsychologisch „wegnehmen“, nicht „besteuern“ oder gar „enteignen“) – unter diesem Satz ist eine bemerkenswert schräge, wie ein Bollwerk oder eine Festung sich ausnehmende Berg-Villa im Brutalobetonmodernismus-Stil zu sehen. Ein schräges Plakat, das schräge und verrückte Ängste, Parolen und Impulse seinerseits verrückt, geraderückt, zurechtrückt.
Kunst ist dann am stärksten, wenn ihr Überraschungen gelingen. Wer beim Betrachten eines Werkes nicht sagt „So habe ich das (diese Mimik, diese Landschaft, diesen Holzschuh, diesen vereisten See, diesen hier porträtierten Menschen, diese politische Problemlage) bislang noch nicht gesehen“, hat kein bedeutendes Werk betrachtet. Zu den Vorzügen der Kunst von Klaus Staeck gehört es, dass sie nicht das Selbstverständliche wie „auch ich bin für den Frieden und die Gerechtigkeit“ sagt, sondern darlegt, warum es das eigentlich Selbstverständliche so schwer hat. Weil es, um ein zu Unrecht aus der Mode gekommenes Wort zu bemühen, wirkungsmächtige Ideologien, also Logiken der falschen und trügerischen Bilder gibt. Klaus Staecks Werk evoziert diese verdunkelnden Ideologien, um sie sodann zu erhellen. In Zeiten, in denen Fake News zum Normalfall werden, ist seine Kunst aktueller und wichtiger denn je.
Klaus Staeck ist auch als Bild- und Wort-Künstler ein Jurist, der an Gerechtigkeit glaubt, sie einfordert und fördert, ein auch in diesem Sinne bildender Künstler, der souverän Sachverhalte und Tatbestände aufklärt und erhellt. Sein Werk kreist in steter Frische um die Maxime einer gerechten sozialen und politischen Ordnung, in der es sich lohnt, ein Mensch zu sein.

Prof. Dr. Jochen Hörisch ist seit 1988 Ordinarius für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim.