Daniel Schottmüller wollte mit Klaus Staeck über Wahlplakate ablästern. Artikel aus der RHEIN-NECKAR-ZEITUNG vom 5. März 2026

Manuel Hagel spannt den Bizeps an. Auf dem Plakat mit dem Aufdruck „Neue Kraft fürs Land“ hat der CDU-Mann die Hemdsärmel hochgekrempelt. Eine symbolische Geste, die im hitzigen Landtagswahlkampf fest zum Programm gehört. Hans-Ulrich Rülke geht sogar noch weiter: Jedes Mal, wenn mich der FDP-Kandidat von den Reklameflächen aus angrinst, meine ich das Intro von Joe Cockers Stripperhymne „You Can Leave Your Hat On“ zu hören – so neckisch zelebriert Rülke das Ausziehen des eigenen Jacketts … Stimmt sich der 64-Jährige, der „dem Verbrenner-Aus den Garaus machen“ will, bereits auf die Folgen der eigenen Klimapolitik ein?
Apropos. Was ist denn mit den Grünen los? Keine Sonnenblumen, kaum Farbe. Stattdessen fixiert mich Spitzenkandidat Cem Özdemir durch die Hornbrille. „Bildung kostet, keine Bildung kostet mehr“, prangt dazu auf grünschwarzem Untergrund. Optimistischer wird’s nicht… Aber immer noch besser als die AfD. Die behauptet nämlich, dass mein Nachbar sie wählt und sogar mein armes Auto auf der rechtsextremen Spur unterwegs wäre. Warum muss ich mir diesen Kokolores eigentlich anschauen? „Weil es um dich geht“, ruft mir SPD-Kandidat Andreas Stoch (ich würde ihn umgekehrt ja siezen …) von seinem Plakat aus hinterher. Jetzt reicht’s!
Angefressen treffe ich mich mit einem, der’s besser kann: Klaus Staeck. Deutschlands Vorzeige-Plakatkünstler tobt sich bereits seit den wilden Sechzigern voller Esprit grafisch aus – und ist praktischerweise auch noch in Heidelberg beheimatet. In seiner Galerie wollen wir uns die aktuelle Wahlwerbung genauer vornehmen.
Zusammen Phrasen mähen? Satire Chili über diesem Stockfoto-Einheitsbrei ausgießen? Nicht ganz … „Das sieht doch erst mal alles professionell aus“, meint ein lächelnder Staeck beim Betrachten der ersten Beispiele. Als Grafiker springt ihm direkt Die Linke ins Auge. „Klassisch“, kommentiert er deren Plakat, das stilisiertes Demo-Gelärme zeigt. Staeck fühlt sich an die Wahlwerbung der Weimarer Republik erinnert – und glaubt, dass es hier vor allem um die Mobilisierung der eigenen Basis geht.
Aber auch das Gegenbild, das nüchterne „Zuhören“-Plakat Özdemirs, gefällt ihm. Ja, selbst der Glatze von AfD-Mann Markus Frohnmaier kann der eingefleischte Sozialdemokrat Staeck etwas abgewinnen. Zumindest im Zusammenspiel mit dem Slogan „Dem Abstieg die Stirn bieten“ – „das ist doch ein Eyecatcher und fast meine Richtung: Satire“, sagt Staeck mit einem Augenzwinkern.
Auch ich blicke bald schon demütiger gen Schilderwald. Denn mein Gastgeber erinnert mich daran, wie teuer so ein breitformatiges Plakat ist. Und wie viel Zeit und Mühe es Ehrenamtliche kostet, die ganze Werbung anzubringen – immer im Wettstreit mit der Konkurrenz. Nur damit am Ende kaum jemand stehen bleibt, um sich die Ergebnisse zu betrachten. Kein Wunder, dass gerade kleinere Parteien versuchen, mit Frechheit zu punkten.
Staeck warnt aber davor, es mit der Provokation zu übertreiben: „Du darfst die Leute nicht verschrecken!“ Man hört ihm gerne zu, wie er von menschgewordenen Litfaßsäulen erzählt (Politikern), von seinem besten eigenen Wahlplakat („Im Himmel CDU, auf Erden SPD“) und von Menschen, die ihm seine Kunst so übelnehmen, dass sie Bierflaschen gegen die Fensterfront schmeißen („und dabei war doch noch was drin in der Flasche …“).
Vor allem aber bleibt bei mir haften: alles nicht so einfach mit der Politwerbung. Auf dem Nachhauseweg blicke ich den Pappkameraden deutlich empathischer entgegen. Und in ein paar Tagen sind sie ja auch schon wieder weg. Alles ganz entspannt. Munterer Plausch: Künstler Klaus Staeck ordnet die aktuelle Wahlwerbung ein.
(Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der RHEIN-NECKAR-ZEITUNG)