Zum Abschied von Mario Adorf

Als ich am 9. April erfuhr, dass Mario Adorf am Vortag in Paris gestorben war,  hat mich die Nachricht persönlich berührt, weil ich als eifriger Kinobesucher einen jahrzehntelang verehrten Schauspieler und auch einen fernen aber stets nahbaren Freund verloren hatte.

Mit Mario Adorf und Kulturstaatsminister Bernd Neumann zur Eröffnung der Ausstellung „…böse kann ich auch“ am 1. Februar 2012 in der Akademie der Künste. Foto Manfred Mayer

Im Februar 2012 hatte ich das große Glück, als Akademiepräsident ihn in Berlin empfangen zu können, weil er uns sein gesamtes persönliches Archiv zum Geschenk machte. Mehrere tausend Fotos, viele Rollenbücher mit detaillierten Anmerkungen, Kritiken und Interviews, Dokumente, Briefe und Manuskripte, biographische Aufzeichnungen, Vorlesungsmitschriften aus den frühen 50ger Jahren – ein riesiges Konvolut, das er zu treuen Händen an die Archivare und damit der Nachwelt übergab. 

Was da nicht alles zusammenkam: Von Szenenfotos bis zu den Kritiken und Filmpreis-Einladungen für „Nachts, wenn der Teufel kam“ von Robert Siodmak aus dem Jahre 1957, viel Material zu Schlöndorffs „Blechtrommel“ von 1979 und Fassbinders „Lola“ von 1981 und alles was sich zu den Fernsehklassikern „Kir Royal“ oder „Der große Bellheim“ angesammelt hatte. Bis in die letzten Jahre wurde der Vorlass vervollständigt, unter anderem mit dem Rohdrehbuch zu „Die letzte Reise des Karl Marx“. 

Die Akademie dankte für die großzügige Übergabe mit einer umfangreichen Ausstellung am Pariser Platz, „Mario Adorf … böse kann ich auch“, in der aus 220 Film- und 60 Bühnenrollen Beispiele eines einzigartigen Künstlerlebens präsentiert wurden. In meiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung erwähnte ich, dass sie auch einige von mehr als 1000 Blättern zeigt, auf welche Mario Adorfs Mutter alle akribisch gesammelten Kritiken und Zeitungsartikel aufgeklebt hatte. Ich sprach auch über seine zeitweilige Festlegung auf das Rollenklischee ‚Bösewicht vom Dienst’  vor allem in der Zeit der Karl May- und Edgar Wallace-Filme:  

„In der Tat, das »Böse« – wie es der Untertitel der Ausstellung prägnant zusammenfasst – konntest Du auch – und zwar mit Bravour und im breiten Spektrum von brutal bis dandyhaft, bisweilen gespickt mit feiner Rollenironie.
Und immer wieder waren Deine Bösewichte nicht eindimensional, sondern trugen durchaus menschliche Züge.“

Ich dankte allen Leihgebern, der Berliner Kinemathek und dem Frankfurter Filminstitut. „Mein allerletzter und der größte Dank geht aber an Mario Adorf, für sein Archiv und für sein Spielen. Deine besondere Einheit von Sprechkunst, Physis und mimisch-gestischem Spiel beeindruckt uns immer wieder. Sie macht Dich, sagen wir es ruhig, ganz zu Recht zum Star. Alle Facetten Deines Künstlerlebens kann die Ausstellung nicht zeigen, sie unterschlägt aber auch nicht Deine anderen Begabungen, als Zeichner und Bildner, als Autor und als Chansonnier. In diesen Bereichen begegnen wir dem Künstler hinter seinen Rollen; und immer wieder treffe ich Dich gern bei einem Teller Spaghetti.“ Nun werden wir uns nur noch im Archiv treffen – Dein Nachlass und meine Sammlung.