„Ich bin ein Mensch des Papierzeitalters“

Ein Gespräch mit Klaus Staeck über Plakate und Postkarten, die SPD und die Groko. Rüdiger Schaper, Tagesspiegel, 28.2.2018

Er gehörte zum Mobiliar der linken bundesrepublikanischen Gesellschaft. Seine witzigen Plakate („Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!“) kannte jeder. Staeck verkörpert den engagierten Intellektuellen. Das Museum Folkwang in Essen hat ihm zum 80. Geburtstag, den er an diesem Mittwoch feiert, eine Retrospektive ausgerichtet: „Klaus Staeck. Sand fürs Getriebe.“ Geboren wurde er 1938 in Pulsnitz, wuchs in Bitterfeld auf und siedelte 1956 in den Westen über, nach Heidelberg. Von 2006 bis 2015 war der Jurist, Verleger, Grafiker und Plakatkünstler Präsident der Akademie der Künste Berlin.
Herr Staeck, wenn wir zu Ihrem Ehrentag ein wenig durch die Jahrzehnte streifen, kommt früh schon Joseph Beuys ins Bild. Was führte sie zusammen?
Es war im Jahr 1968 in Kassel auf der Documenta. Als leidenschaftlicher Anhänger der Postkarte bat ich ihn, eine Künstlerpostkarte zu gestalten. Das war unsere erste Zusammenarbeit, so wurde ich sein Verleger. Wir haben über hundert Editionen zusammen gemacht. Es war auch die Zeit der Selbstorganisation. Wer keine Galerie fand, hat die Sache selbst in die Hand genommen.
Sie kommen aus einer Zeit, in der die Kunst eminent politisch war und wirkte. Warum funktioniert das heute nicht mehr?
Es gab damals gerade einmal zwei oder drei Fernsehprogramme. Heute werden wir mit Medien überflutet und überfüttert. Wir hängen im Netz und haben große Mühe, aus der Überflutung die Informationen herauszufiltern, die man wirklich braucht. Ich komme aus dem Papierzeitalter und kämpfe auch dafür, dass wir so lange wie möglich unsere Zeitungen behalten. Wir brauchen diese intelligenten, verlässlichen Filter.
Sie benutzen altertümliche Wörter wie Postkarte. Wie erklären Sie einem jüngeren Menschen, was war eine Postkarte?
Das ist vor allem etwas sehr Persönliches. Man kann sie sich auch selbst herstellen, dafür gibt es ein vorgeschriebenes Format, 14,5 mal 10,8 cm. Und dann kann man sie verschicken. Beuys liebte die Postkarte sehr. Da muss man auch keinen langen Brief schreiben, allerdings gehört dazu eine Entscheidung, die man treffen muss: Welches Bild will ich verschicken? Nimmt man etwas Gewagtes oder wählt man von Heidelberg, wo ich lebe, immer nur die gleiche kitschige Schlossansicht?
Ist das Plakat auch ein Relikt des Papierzeitalters?
Solange ich Plakatkunst mache, wird das Plakat totgesagt. Trotzdem wird es so ernst genommen, dass ich auf 41 juristische Verfahren komme, die gegen meine Plakate, Postkarten und Aufkleber angestrengt wurden. Der Waffenkonzern Rheinmetall hat sechs Prozesse gegen mich geführt, über mehrere Instanzen, um doch zu verlieren. Die Presse hat mir damals sehr geholfen. Dadurch gelangten meine Arbeiten in eine größere Öffentlichkeit. Der Waffenhandel, wie Sie sich vorstellen können, zieht Diskretion vor.
Es beflügelt Sie, sich mit großen Gegnern anzulegen?
Ich gebe nie auf. Satire ist kein Himbeerwasser, hat Heinrich Böll einmal gesagt. Mit ihm war ich, ähnlich wie mit Beuys, eng verbunden. Man braucht solche Menschen, die einem beistehen, wenn es ernst wird. Mein politischer Ziehvater war dabei Oskar Negt.
Seltsam, aber wir sprechen nur über Dinge, die in die Jahre gekommen sind, wenn überhaupt noch vorhanden. Wie geht es Ihnen derzeit mit der SPD?
Wer einer Partei beitritt, der muss neben seiner Leidenschaft eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen. Das gilt für jede Partei. Als DDR-Flüchtling war ich automatisch politisch engagiert. Am Wegesrand stehen und dem politischen Geschäft passiv zuschauen, einfach nur den Daumen senken oder heben, das war nicht meine Sache. Ich verteidige auch die Politiker – denn das sind in der Demokratie die Menschen, die wir wählen und die für uns mit entscheiden.
Und was denken Sie über das SPD-Mitgliedervotum zur Großen Koalition?
Natürlich habe ich mich genau darüber informiert, ich habe den Koalitionsvertrag gelesen. Und ich bin Praktiker und sage: Der Vertrag ist recht ordentlich, für unsere 20 Prozent. Es regen sich ja in der CDU viele auf, weil sie glauben, dass sie zu kurz gekommen sind. In der Opposition sein und immer recht haben, das bringt es nicht. Politik wird für Menschen gemacht. Und wenn auch nur für eine Berufsgruppe sich etwas positiv ändert, zum Beispiel für das Pflegepersonal, dann wäre ein Nein doch fahrlässig. Ich verfolge mit Verwunderung, wie der Juso-Chef Kevin Kühnert, der die Große Koalition nicht will, überall gehypt wird. Aufmerksamkeit ist in unserer Gesellschaft ein Wert an sich.
Aber das gilt dann auch für Sie und Ihre Aktionen.
Ich werde immer als Provokateur bezeichnet. Ich bin überhaupt kein Provokateur. Meine Definition von Satire ist – die unverschuldet Schwachen gegen den Übermut der Starken verteidigen! Heute tarnt sich viel Häme als Satire, so wie sich viel Feigheit als Toleranz tarnt.
Zum Beispiel?
Die Kopftuchdebatte. Ich bin ein entschiedener Gegner des Kopftuchs bei Gericht. Wenn die Schöffin ein Kopftuch trägt, will sie damit etwas signalisieren. Das Berliner Neutralitätsgesetz, wonach staatliche Bedienstete keine Kleidungs- und Schmuckstücke tragen, die demonstrativ für eine religiöse oder politische Position stehen, ist völlig in Ordnung. Daran sollte man nicht rütteln. Wir haben die Trennung von Staat und Religion.
Geben wir der AfD und anderen rechten Organisationen zu viel Aufmerksamkeit?
Das beantworte ich mit einem klaren Ja. In den Talk-Shows ist immer einer oder eine von denen dabei. Es ist ein großer Irrtum der Journalisten, wenn sie sagen, sie wollen diese Leute entlarven. Das geht nicht. Die Tatsache, dass jemand im Fernsehen sitzt, ist für den Betrachter der Ausweis, dass er auch etwas zu sagen hat. Egal, was er sagt. Warum muss ich wissen, was Frau von Storch über dieses oder jenes denkt? Wenn es denn etwas zu bereuen gibt – ich war ja selbst hin und wieder in diesen Runden. Wenn mein Friseur mir sagen wollte, mit mir ist nichts mehr los, dann sagt er: Herr Staeck, ich habe Sie lange nicht mehr im Fernsehen gesehen.
Bereuen Sie Ihre Zeit als Präsident der Akademie der Künste in Berlin?
Es war eine aufregende, wunderbare Zeit im Nachhinein, auch wenn ich sie manchmal verwünscht habe, denn natürlich musste meine künstlerische Arbeit zurückstehen. Wir wollten die Akademie zurück in die Öffentlichkeit bringen, und das ist, glaube ich, gelungen. Und dann war es Zeit, dass eine Frau das Präsidentenamt übernimmt, Jeanine Meerapfel. Es ist ein Ehrenamt mit unwahrscheinlich viel Arbeit und der Verantwortung für einen Millionenetat, für 150 Mitarbeiter und 400 Mitglieder. Ich bin Jurist und kenne mich in der Politik aus. Das hat geholfen. Der christdemokratische Kulturstaatsminister Bernd Neumann und der Sozialdemokrat Staeck haben gemeinsam dafür gekämpft, dass die Gesellschaft sich eine solche Akademie leistet. Und dabei sind wir beste Freunde geworden.
Freunde und politische Gegner?
Gegner ja, aber keine Feinde. Das Schlimmste, was der Demokratie passieren kann, ist, dass sie an Langeweile stirbt. Diese Befürchtung besteht im Moment nicht.
Wenn Sie sich zum Geburtstag selbst eine Postkarte schreiben: Was steht da drauf?
Nichts ist erledigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.