Krisengewinner Amazon

Kolumne vom 2.4.2020

Wird sich, was jetzt geschieht, in das kollektiven Gedächtnis der Menschheit so einbrennen wie die Pestepidemien des Mittelalters, die Verheerungen des 30jährigen Krieges, oder die Erinnerung der Älteren an die letzte Kriegs- und Nachriegszeit?

Klaus Staeck. Die apokalyptischen Reiter, nach Albrecht Dürer. 2014

Der Höhepunkt ist noch nicht erreicht. Was den Menschen in den ärmsten Ländern der Welt bevorsteht, sprengt unsere Vorstellungskraft. Schon fast vergessen sind die Luxusdebatten der jüngsten Tage, als darüber diskutiert wurde, ob Geisterspiele der Fußball-Bundesliga zumutbar wären, oder olympische Spiele unaufschiebbar. Hamsterkäufe wurden eher belustigt wahrgenommen. Heute scheint es bereits absurd, dass uns diese Themen mit so viel medialer Aufmerksamkeit und irrwitziger Uneinsicht überhaupt beschäftigen konnten. Die Furcht, dass nichts mehr so sein wird, wie es war, eher dass alles noch schlimmer werden könnte, frißt sich in die Träume und in die Momente des Aufwachens vor den ersten Nachrichten.
Doch wie in allen Krisen gibt es auch in einer weltumfassenden Pandemie die Gewinner. Es scheint, als stünden sie in gehörigem Sicherheitsabstand auf der Tribüne und beobachten durch ihre Fernstecher das Überlebensspektakel in der Manege, wo selbst einstige Konkurrenten aus der Upperclass, wie Apple und Microsoft, mit 30% Aktienverlusten im Staub liegen.
Für Amazon läuft es dagegen bestens. In nur zehn Tagen hat das Megaunternehmen 100 Milliarden Dollar an Wert zugelegt. Geschlossene Läden und leere Städte lassen das Versandgeschäft mit Gütern aller Art boomen. Dazu haben Heimarbeitsplätze und ein gewaltig gewachsener Datenaustausch den Umsatz des Amazon-Web-Services mit gemieteter Speicherkapazität in der Cloud die Einkünfte explodieren lassen. Hinzu kommt der angestiegene Bedarf an Serien und Filmen, die per Amazon Prime gestreamt werden, um die Langeweile in den Wohnungen zu bekämpfen. Es heißt, Jeff Bezos persönlich sei in zwei Wochen um 10 Milliarden Dollar reicher geworden. Mehr als die Hälfte der Verbraucher öffnet im Netz zuerst die Suchmaske von Amazon. Für sie zählt nur, was über die Plattform verkauft wird. Die „Amazonisierung des Handels“ scheint unaufhaltsam zu sein.
Das wäre eigentlich der richtige Moment, wenn die EU nicht gerade aus mangelnder europäischer Solidarität an den Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit angelangt wäre, von Amazon endlich eine gerechte Steuerzahlung zu verlangen. In vielen Ländern werden gerade Milliarden-Hilfspakete für den Überlebenskampf der Wirtschaft angesichts einer ungewissen Dauer des Stillstands zusammengestellt, während Amazon intensiv an der Neuaufteilung der Weltwirtschaft arbeitet.
Das ist im großen so ein Skandal wie im kleinen die Geschäftsidee der Manager milliardenschwerer Unternehmen, die die Gelegenheit nutzen wollten, um über die Inanspruchnahme von Mietstundungen (gedacht für die in ihrer Existenz bedrohten kleinen Firmen) ihre Gewinne zu retten. Die öffentliche Empörung war zum Glück laut genug, so dass einige von ihnen inzwischen zurückrudern mussten.
Trotzdem steckt das Prinzip, wonach jeder sich selbst der nächste ist, so tief in der DNA des Neoliberalismus, dass Appelle in einer beispiellosen Notsituation an die solidarische Gesellschaft gerichtet, von den Cleveren nur als weltfremde Phantasterei wahrgenommen werden.
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Die Kolumne erschien am 2.4.2020 in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau.

Kommentar zur Kolumne in einem Leserbrief von Dr. Benno Kotterba, Karlsruhe, an Klaus Staeck vom 2.4.2020:

Sehr geehrter Herr Staeck, ich bin ein aufmerksamer Leser Ihrer Kolumne in der FR. Kaum eine lasse ich aus. Heute natürlich Ihre Meinung zum Krisengewinner Amazon. Leider ist es so einfach, bei Amazon zu bestellen. Dadurch werden heute viele regionale Bemühungen nicht wahrgenommen und kontaktiert. Auch wenn viele Bemühungen zu schnell aus dem Boden gestampften online-Shops führen (Beispiel aus Karlsruhe: https://schrifthof.de/fair-improvisiert), fehlt es an deren Bekanntheit. Hier bei uns in Karlsruhe solidarisieren sich viele und finden neue Vertriebswege zum Beispiel mit Fahrradkurieren (https://schrifthof.de/mobile-lieferung-2). Und doch gibt es in der Stadt eine große Solidarität u.a. durch die Plattform nebenan.de

Sehr erschüttert hat mich heute der Beitrag von Ulrike Keding (FR, 02.04.2020, Seite 7: „Doppelt gebeutelt“). Unsäglich, dass in solchen Situationen aus engstirnigen politischen Einstellungen eines Herrn Trump und Co. die Sanktionen gegen den Iran nicht aufgehoben werden. Bis zum letzten Gehen. Warum kommt niemand auf die Idee, diesen werten Herrn vor dem Internationalen Gerichtshof wegen unterbliebener Hilfeleistung, ja wegen Völkermord anzuklagen.

Globalität könnte auch anders aussehen, denn alle sind aufeinander angewiesen. Heute Morgen im Interview des DLF (https://www.deutschlandfunk.de/interview.693.de.html) hat sich Wolfgang Grupp, Trigema, dazu geäußert. Man kann von ihm halten, was man will, zumindest hat er damit Recht: dass Globalisierung die gegenseitige Verpflichtung und Hilfe mit sich bringt: wenn Deutschland Maschinen an ausländische Kunden liefern will, muss es auch bereit sein, deren Produkte zu kaufen. Das gilt im Nationalen wie im Internationalen Leben.

Viele Gedanken – Fragen – und Anstöße zum Umdenken. Vieles muss sich ändern. So wie das Virus keine Landesgrenzen kennt, so sollten die Menschen aufhören in engstirnigen nationalen Grenzen zu denken. Hilfe darf sich wie das Virus ausbreiten – in alle Himmelsrichtungen.

Auch wenn man an keinen Gott glaubt, so ist folgende Bemerkung eines Freundes noch bedenkenswert: „Man kann meinen, ein höheres Wesen hat gesagt, ‚Ich habe euch schon lange gewarnt. Jetzt ist Schluss.'“ Also Rückbesinnung ist angesagt. Und da mag man durchaus zurückgehen bis zu den frühen Anstößen des Club of Rome.

Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Beiträge, Ihre unerschrockenen Meinungsäußerungen und hoffe, dass ich noch viele lesen darf.

Herzliche Grüße, Dr. Benno Kotterba

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