
Seit ich zum Beginn des Jahres die Nachricht erhielt, dass Manfred Butzmann gestorben ist, muss ich an die vielen Begegnungen mit diesem mir sehr vertrauten, in seinen Intentionen sehr nahen Künstler denken. Er hat für eine meiner Ausstellungen in Berlin – acht Jahre vor dem Mauerfall! – das Plakat entworfen. Die Collage mit einem Kopf als leerer Heringsdose und dem Titel „Die Gedanken sind frei“ versah er hintersinnig deutlich mit der Zeitdauer der Ausstellung in der Galerie des staatlichen Kunsthandels der DDR. Das fiel dessen Generaldirektor noch rechtzeitig auf und die 350 gedruckten Plakate mit dem Hinweis auf die zeitlich befristete Gedankenfreiheit waren an keiner Ost-Berliner Lifass-Säule zu sehen.
Wahrscheinlich hat uns Klaus Werner zusammengebracht, der unermüdliche, engagierte Kunsthistoriker und Leiter der Galerie „Arkade“ am Strausberger Platz, wo ich 1976 meine erste Einzelausstellung in der DDR zeigen konnte. Butzmann folgte mir dort vier Jahre später, kurz danach endete Werners Amtszeit durch fristlose Entlassung – im gleichen Jahr, als auch Butzmanns Plakat der Öffentlichkeit entzogen wurde.
Manfred Butzmann gehörte im Osten Deutschlands zu den mutigsten und wichtigsten Vertretern einer künstlerischen Gegenöffentlichkeit. Allgegenwärtiger Propaganda zur Lobpreisung des sozialistischen Alltags begegnete er mit künstlerisch-kritischem Affront. Mit „Heimatkunde“ überschreibt er seine Erkundungen zur Zerstörung von Stadträumen. Die Vermüllung von Fußwegen dokumentiert er mit seinen Fotoplakaten „BÜRGER, schützt Eure STEIGE!“.
„Ein Platz für Bäume“ zeigt noch die vielen abgeholzten Spuren einstigen Stadtgrüns. Eine Spielzeug-Maschinenpistole steckt in einem Mülleimer. Es genügt der Schriftzug „Zum Beispiel“ um eine pazifistische Botschaft auszusenden, die der Aufforderung zur steten „Wehrbereitschaft“ Hohn spricht.
Es ist diese Art subtiler Welt- und Umweltbetrachtung, die gerade noch dem Verbot, öffentlich gezeigt zu werden, entgeht.
Im Potsdamer historischen Waisenhaus, dem Sitz der gemeinsamen Landesplanung Berlin-Brandenburg, stellten wir 2011 gemeinsam unsere Fotos und Plakate und Manfred Butzmann seine „Abreibungen“ (Kopien historischer Spuren auf Holz und Mauerwerk) vor. Matthias Platzek ließ es sich als damaliger Ministerpräsident Brandenburgs nicht nehmen, die Ausstellung „fotogen & plakativ“ als „Beispiel einer dreißigjährigen Künstlerfreundschaft“ zu eröffnen.
Platzeck erinnerte daran, dass wir beide mit unseren zeitkritischen Werken für die Politik unbequem waren und geblieben sind: „Für den Einen – Manfred Butzmann – führte diese Kompromisslosigkeit mehrfach zu Druckverboten seiner Werke in DDR. Der Andere – Klaus Staeck – bekam im Westen zuweilen mehr Druck, als ihm selbst lieb sein konnte. Abgeordnete entfernten seine Plakate von den Wänden und mussten doch einsehen: Dem kollektiven Gedächtnis waren viele seiner aufrüttelnden Collagen nicht zu entreißen… Das gilt bis heute!“
Beide Künstler haben es nach Überzeugung Platzecks hervorragend verstanden, „zeitkritisch zu sein und zugleich die großen zeitlosen Ziele der Menschheit einzufordern: Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit, Respekt für Menschen aller Herkunft und für ´Heimat´ in allen Facetten, Respekt auch für den Planeten, auf dem wir alle nur zu Gast sind. Beide haben sich immer dagegen verwahrt, von der Politik oder einzelnen Parteien vereinnahmt zu werden, ob in der Demokratie oder in der Diktatur. Aber politischer und im besten Sinne ´basisdemokratischer´ hätte ihre Kunst kaum sein können“, so damals Matthias Platzeck in seiner Eröffnungsrede.
Es ist ein großes Glück, dass es Michael Krejsa, dem Leiter des Archivs Bildende Kunst in der Akademie der Künste, gelungen ist, Manfred Butzmann dafür zu gewinnen, sein reiches Konvolut der über Jahrzehnte geführten Skizzenbücher dem Archiv zu übergeben, wo bereits der schriftliche Nachlass von Klaus Werner aufbewahrt wird.
Auch mein Vorlass ist zu einem großen Teil bereits im Archiv der Berliner Akademie deponiert. So trifft man sich wieder.
Klaus Staeck, 9. Januar 2026


