Keine Rückkehr zum „weiter so“

Wir sollten ergründen, was noch geht oder was anders geht, statt uns darin zu verkämpfen, was nicht mehr geht. Kolumne vom 30. 4. 2020

In der Reihe „Streitgespräche“ des Deutschlandfunks lautete letzten Samstag das Thema „Ist Kultur das Letzte?“ Es ging – wie in Zeiten von Corona nicht anders zu erwarten – um die Finanzierung unserer lebendigen Kulturlandschaft am Beispiel der großen und kleinen Institutionen sowie um den Überlebenskampf der Künstler in freier Wildbahn. Immerhin ist die Subventionierung unserer kulturellen Einrichtungen ein Privileg, um das uns die Akteure in vielen Ländern beneiden.

Gut, dass wir uns weitgehend darauf geeinigt haben, dass Kunst und Kultur als Kitt für die Gesellschaft gebraucht wird. Auch unter schwierigen Rahmenbedingungen sollten wir deshalb mit aller Energie ergründen, was noch oder anders geht, statt uns darin zu verkämpfen, was nicht mehr geht. Wer, wenn nicht die Künstler, könnten Angebote zur Wahrnehmung machen, die aus der um sich greifenden allgemeinen Depression herausführen, bevor „Angst essen Seele auf“ gilt.

Es ist die Stunde der Wahrheit für die alltägliche Routine. Die virusbedingte Zwangspause könnte auch genutzt werden, um Tempo aus dem vielzitierten Hamsterrad herauszunehmen. Doch der täglich lauter werdende Ruf nach der Rückkehr zur Normalität nährt meine Befürchtung: gemeint ist das vertraute Weiter-so.

Oder wie soll die öffentliche Ankündigung sonst verstanden werden, dass die inzwischen beim Staat angehäuften exorbitanten Schulden durch eine „intelligente Wachstumsstrategie“ (Wirtschaftsrat) abgezahlt werden könnten?

Vor Corona galten die „freie Fahrt für freie Bürger“, die obszöne Billigfliegerei und der Wettbewerb der Steuerbetrüger durchaus als normal. Die skrupellosen Cum-ex-Geschäfte auf Kosten der Steuerzahler waren ein Höhepunkt des Kampfes gegen die Solidargemeinschaft. Doch neue Skandale bahnen sich an, wenn Konzerne Dividenden ausschütten wollen, obwohl sie ohne Scham etwa via Kurzarbeit Corona-Hilfen vom Staat kassieren. Bleibt es dabei, dass BMW seine Aktionäre mit 1,64 Milliarden Euro beglückt, obwohl der Konzern für 20 000 Beschäftigte Kurzarbeit beantragt hat?

Andere Staaten sind da konsequent. So schließt Dänemark Firmen mit Sitz in Steueroasen konsequent von Staatshilfen aus. Es wäre leichtfertig, die wachsende öffentliche Kritik zu überhören und unser demokratisches Miteinander in noch größere Gefahr zu bringen. Wann, wenn nicht jetzt, sollte es den Steuerverweigerern unter internationalen Konzernen (Amazon, Google und anderen) endlich an den Kragen gehen und sie steuerrechtlich wie der Mittelstand behandelt werden!

Wie unterschiedlich immer noch gemessen wird, belegte jüngst eine große Tageszeitung mit der Überschrift „Hoffnung für die Formel 1“. Dort fabuliert unser Sebastian V. von „den wirtschaftlichen Nöten der Teams“. Auf dem Spiel stünden vor allem die „Einnahmen aus der Fernsehvermarktung“. Seine Sorge: einige Rennställe „könnten diese Verluste nicht überstehen“. Jedenfalls wäre es wie die drastische Einschränkung des Flug- und allgemeinen Reiseverkehrs, ein bescheidener Beitrag zur Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen.

Zurück zur Kultur. Wird mein kleines Kino um die Ecke überleben? Was wird aus den kleinen und größeren Geschäften in den Haupt- und Nebenstraßen, die eine Stadt erst beleben und wohnlicher machen? Werden die Handwerksbetriebe des täglichen Bedarfs diese Krise überstehen? Dafür, dass die jetzt zur Disposition gestellten Grundrechte nicht auf Dauer beschädigt werden, müssen wir schon selber kämpfen.

Die Kolumne erschien am 30.4.2020 in der Frankfurter Rundschau und in der Berliner Zeitung.

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