Zu viel getalkt

Kolumne vom 11. November 2012

Will man einem mehr oder weniger prominenten Zeitgenossen eins auswischen, dann genügt der Satz „Ich hab Sie lange nicht mehr in einer Talkshow gesehen!“ Das sitzt in der Regel. Doch der Angesprochene kann das so oder so deuten. Entweder als „Ich bin nicht mehr, wer ich einmal war“ – also ein klares Indiz für öffentlich-medialen Bedeutungsverlust. Oder, im besten Fall für den vermeintlich Geschmähten, „Ich bin raus aus dem Zirkus, muss mich nicht mehr zum Affen machen. An mir liegt es nicht, wenn die Einschaltquote unter den Erwartungen bleibt.“ 

Das System Talkshow halte ich für einen längst totgerittenen Gaul. Vor 25 Jahren zählte man noch 80 Sendungen dieser Sorte im deutschen Fernsehen, wenn man alles mitzählt, was sich zwischen seriösem Frühschoppen oder Presseclub bis hin zum Trash-TV der Privaten ereignete. Letztere ließen für Voyeure aggresiv gebrüllter  Konfliktaustragung auch schon mal aufgeschriebene Texte aufsagen. „Scripted Reality“ genannt, womit sich sozial Benachteiligte vor dem Fernseher trösten konnten, dass es den vermeintlich anderen in der Unterschicht noch schlechter geht. 

Inzwischen hat der Überdruss an TV-Talk für eine gewisse Marktbereinigung gesorgt, aber auch ein Viertel scheint noch zuviel, weil die stete Wiederholung von Themen wie Teilnehmern das Publikum ermüdet. Da mögen Lanz und Plaßberg noch so viel Energie aufwenden, dem Talkgast möglichst schon vor dem ersten Atemholen den Satz abzuschneiden – die Zampano-Geste des Moderators zieht kaum noch, weil der Zuschauer zu oft damit genervt wurde und inzwischen weiß, das Erkentnissgewinn nicht unbedingt den langen Abend vor dem Bildschirm rechtfertigen wird.

Auch die Pandemie hat dazu geführt, dass die ewig gleichen Virologie-Experten und Gesundheitspolitiker das ewig gleiche aufzusagen hatten. In der vierten Welle werden sie nichts anderes tun – diese Gewißheit ist so sicher wie die derzeit steigenden Zahlen der Infizierten. Soll man Anne Will dankbar sein, dass sie vor einigen Wochen nach dem Prinzip handelte, jetzt auch mal die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen, ohne gleich die Querdenker Füllmich und Ballweg ins Studio zu laden? Frau Wagenknecht spielte die Rolle der Impfverweigerin so virtuos, dass es selbst dem meist redegewandten Lauterbach beinahe die Sprache verschlug. Da konnte die ARD doch endlich einmal dem Vorwurf begegnen, der immer wieder und immer vehementer zu hören und zu lesen ist, die öffentlich-rechtlichen seien einseitig, unausgewogen, ideologisch verpeilt. 

Ich weiß, dass es Moderatorinnen und Moderatoren dieser Sendeformate schwer haben, den überhitzten Stimmen und Meinungen in den sozialen Netzen etwas entgegenzusetzen. „Gereiztheit ist das Grundgefühl einer gespaltenen Gesellschaft“, konstatierte kürzlich WDR-Intendant Tom Buhrow in der „Zeit“ und leitete daraus den Anspruch ab, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Plattform für eine „gute“ Streitkultur bieten müssten, mit respektvoll geführten Debatten. In Zeiten, da die blutigsten polemischen Attacken im Internet die größten Aufmerksamkeisquoten verbuchen können, ein schwer zu erfüllender Wunsch. Talkshows dienen den Sendern in erster Linie der Unterhaltung. Auch die drängendste Nachfrage nach der nächsten Personalbesetzung in den Parteigremien oder das beharrliche Insístieren, doch mal Differenzen aus den Koalitionsverhandlungen auszuplaudern, bringen jeden Politiker in Verlegenheit, statt einer demokratischen Kultur zu dienen. Die Talkshow ist mehr Fleischwolf als Gesprächsformat.

Die Kolumne erschien am 11.11.2021 in der Frankfurter Rundschau.

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