Grönlandeis ade

Die Wissenschaft hat schon früh die Erderwärmung vorhergesagt. Doch unser Lebensstil zeigte schneller Wirkung, als alle Prognosen folgen konnten. Kolumne vom 05.08.2021.

Klaus Staeck; Tendenz steigend; Postkarte/Plakat 1995

Seit einer Woche schmilzt in Grönland der zweitgrößte Eisschild der Erde so rapide, dass dänische Wissenschaftler:innen über die Website „Polar Portal“ eine Warnung veröffentlicht haben. Bei doppelt so hohen Temperaturen wie sonst im Jahresdurchschnitt verschwinden täglich acht Milliarden Tonnen Eis – ebenfalls doppelt so viel wie in zurückliegenden Sommerperioden. Nach der Rekord-Schmelze vor zwei Jahren sei nun ein viel größeres Gebiet betroffen. Der Anstieg der Erwärmung in der Arktis verlaufe wesentlich schneller als in anderen Regionen der Erde. Geht es so weiter, steigt der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um 18 Zentimeter – viel höher als es bisherige Prognosen vorausgesehen haben.

Wer einmal die Eis-Markierungen im einstigen Gletschertal unterhalb des Großglockners gesehen hat und den Gebirgspfad, der vor wenigen Jahrzehnten noch vom Eis bedeckt war, hinabgestiegen ist, der bekommt einen unvergesslichen Eindruck vom Ausmaß der Klimaveränderung in weniger als einem Menschenalter. Archäologen können in den Alpen derzeit einzigartige Funde aus der Jungsteinzeit bergen: Lederhosen und ein noch nie gesehener Pfeilköcher aus Birkenrinde unserer Vorfahren traten zum Vorschein. In wenigen Jahrzehnten werden dort klimabedingt so gut wie alle der 4000 Eisfelder verschwunden sein und mit ihnen die Zeugen aus organischem Material, die das Eis konservierte und nun freigibt. Der Preis für das Glück der Archäolog:innen und ihrer Forschung über die Lebensverhältnisse der Ötzi-Vorfahren ist freilich hoch.

Die Welt ist im Umbruch. Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hat schon vor 30 Jahren in ersten Modellen vorhergesagt, dass mit dem ungezügelten Anstieg von CO2 und Methangas in der Atmosphäre die globale Erderwärmung steigt, häufigere Starkregen zu mehr Überschwemmungen führen werden. Zudem würden Waldbrände zunehmen, der Golfstrom könne sich abschwächen usw. Alle Voraussagen wurden getroffen, längst bevor sich die Trends in Messdaten abzuzeichnen begannen. Der wachsende Verbrauch fossiler Brennstoffe zeigte weltweit schneller Wirkung, als alle Prognosen folgen konnten. Wer jetzt noch als Leugner des von Menschen verursachten Klimawandels nach Wählerstimmen fischt, macht sich wegen arglistiger Täuschung strafbar. Wenn Beatrix von Storch kürzlich den Umwelt- und Urwaldschänder Bolsonaro besuchte, hatte das sicher auch etwas mit den ähnlichen Positionen der AfD in Sachen Klimapolitik zu tun. Bolsonaro passt deshalb gut in ein rechtsextremes internationales Netzwerk, das Klima- und Pandemieleugner mit Verächtern der parlamentarischen Demokratie und Diktatoren vereint. Die ausgewiesene Klimaexpertin Frau von Storch ist übrigens der Meinung, dass lediglich die Hitze der Sonne zu viel Kohlendioxid in den Himmel entweichen lässt. Waldzerstörung durch Brandrodung? Nie davon gehört.

Zu reden ist auch noch von einer besonders exklusiven Spezies – von den drei Multimilliardären, die von der Idee besessen sind, den zahlungskräftigen Teil der Menschheit von einer unbewohnbar gewordenen Erde ins All zu schicken. Jeff Bezos, Elon Musk und Richard Branson träumen von Weltraumtourismus, Mond- und Marsbesiedlung. Bis auf Tesla-Musk, der zunächst den Wald von Grünheide bei Berlin für eine gigantische Fabrik roden ließ, starteten die beiden anderen schon mal raketengetrieben durch. Dass ihr „Space Race“ mit einem Start so viel CO2 ausstößt wie ein Passagierflugzeug auf der Reise zwischen Europa und den USA, beschleunigt die Klimaveränderung noch.

Die Kolumne erschien am 05.08.2021 in der Frankfurter Rundschau.

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