Ende mit „alternativlos“

Kolumne vom 30.09.2021

Seit sechs Jahrzehnten habe ich einen politischen Begleiter, dessen Rat wie dessen Warnungen und Zweifel mich nicht unwesentlich beeinflusst haben. Ich meine den deutschen Sozialphilosophen Oskar Negt.

Klaus Staeck und Oskar Negt im Mai 2018 in Hannover. Foto Manfred Mayer

Nach dem ersten Zusammentreffen 1962 in Heidelberg sah ich in ihm eher einen fernen Vertreter aus der Nähe der Sekte des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Für ihn war ich, so schrieb er mir später, der Skeptiker, der nicht nur den Marx-Orthodoxen SDS’lern mißtraute sondern jedem Anflug moralisierender Politik. Meine frühe DDR-Erfahrung als geflüchteter Abiturient, weil – ohne Aussicht auf einen Studienplatz -, hatten mich geprägt. Unser Kontakt wurde enger und riß nie ab, weil er vor allem mein kulturpolitisches Engagement als Sozialdemokrat schätzte, in einer Partei, die, wie er meinte, sich oft einigermaßen schwer mit der Erweiterung der kulturellen Positionen tat. Für mich wurde Oskar Negt in all den Jahren vor und nach dem Mauerfall das Beispiel für einen unerschütterlichen Verteidiger der Demokratie in unserer Republik. Sein Ansatz war immer eine Bildungspolitik, die ohne Unterschied der sozialen Herkunft mündige, aufgeklärte Bürger erzieht. Darin sieht er auch heute noch eine Voraussetzung für politische Teilhabe, weil er nie die Gefahr unterschätzt hat, einer vernachlässigten und vergessenen Demokratie könnten die echten Demokraten ausgehen, was schließlich schon einmal zum Untergang der Weimarer Republik geführt hat.
Unsere Gesellschaft könne umkippen, so seine Warnung, wenn die Politik keine für die Menschen sichtbare Lösung für die zentralen Probleme der Arbeitsgesellschaft bringe. Deshalb sieht er in der Akzeptanz eines Neoliberalismus, wie er nicht nur von der Neuen Sozialen Marktwirtschaft gepredigt wird, und in einer Arbeitswelt, die immer mehr der betriebswirtschaftlichen Rationalisierung folgt, statt der sozialer Verantwortung, für das Gemeinwesen dient, die größten Gefahren. Seine Mahnung gilt allen Parteien, die Regierungsverantwortung übernommen haben. Oskar Negt warnte schon lange vor der Gefahr populistischer und rechtsextremer Bewegungen, als ihm das noch als Alarmismus ausgelegt wurde, weil sich die Politik der Notwendigkeit von Reformen angeblich immer bewußt gewesen sei und so Katastrophen verhindert habe. Er widersprach: „Mein erkenntnisleitendes Interesse, meine Idee von der sozialen Verantwortung des politischen Menschen besteht gerade darin, solche historischen Unglückskonstellationen rechtzeitig aufzudecken und sie durch eingreifendes Denken zu verhindern, statt zu warten, bis die kollektive Katastrophe passiert ist.“
Ich hatte ihn zwei Bundestagswahlen zuvor zu einem meiner Akademie-Gespräche nach Berlin eingeladen, das als Appell dienen sollte: „Wählen gehen!“ Negts Plädoyer ist mir noch in Erinnerung, allein deshalb die Demokratie als Lebensform verteidigen zu müssen, weil sie die kostengünstigste sei. „Das Teuerste ist ein autoritäres, totalitäres System, das Seelen und Körper zerstört“, und an dessen Folgen wir wieder ein Jahrhundert zu leiden hätten.
Der unermüdliche Aufklärer Oskar Negt hat sich später noch einmal in einem Akademie-Symposium über die erkennbare Mutlosigkeit politischer Intellektueller „angesichts der drückenden Realitätsdefinition alternativloser Entscheidungen“ empört. Wünschen wir uns, dass ihm das nach der jüngsten Wahlentscheidung hoffentlich diesmal erspart bleiben wird. Noch ist einiges offen – aber nicht alternativlos.

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