WIEDERVORLAGE – Ausstellung in Stuttgart

KLAUS STAECK: WIEDERVORLAGE – PLAKATE UND OBJEKTE

Klaus Staeck, politischer Künstler, Aktivist und erfolgreicher Präsident der Akademie der Künste in Berlin (2006-2015), kommentiert seit einem halben Jahrhundert das Geschehen in Politik, Gesellschaft und Kultur der Bundesrepublik Deutschland mit provozierenden, bissigen und zielgenauen Plakaten. 

Seine verbale und visuelle Sprache ist griffig, klar und komplex zugleich. Seine künstlerische Methode beruht in der Regel auf Travestie, die Mittel sind Satire und Ironie. Viele seiner zündenden Sentenzen sind längst sprichwörtlich geworden. Und ebenso viele haben über die Jahre nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil!

Eine repräsentative Auswahl seines umfangreichen Werks aus mehr als 300 Plakaten und Objekten, ausgewählt von Klaus Honnef, zeigt eindringlich, dass viele der politischen, sozialen und kulturellen Probleme ungelöst blieben, obwohl seit Jahrzenten auf der politischen Tagesordnung. Nicht wenige davon haben sich mittlerweile sogar noch bedrohlich verschärft: Klimawandel, bezahlbare Mieten, Fremdenhass, Gewaltbereitschaft und Bildung sind nur die wichtigsten Themen.

Nichts ist erledigt, ist Staecks Devise. Deshalb der Titel seiner Ausstellung bei ABTART: „Wiedervorlage“. Denn der Blick zurück auf 50 Jahre wechselvolle deutsche Geschichte in der Perspektive eines Künstlers, der den kritischen Blick auf die Realität mit dem pragmatischen Sinn für die Möglichkeiten zum Besseren verbindet, liefert keinen Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. „Wiedervorlage“ versteht sich aus gutem Grund als ein wiederholter Aufruf an jeden Einzelnen, jede Einzelne, endlich aufzuwachen und anzupacken. Politik ist eine Sache, die alle betrifft. Jederzeit.

Text: Klaus Honnef

ABTART – Galerie und Ausstellungshaus – Freiraum für zeitgenössische bildende Kunst. ABTART vertritt keine KünstlerInnen exklusiv, ist keine Programm-Galerie. In diesen Räumen herrscht Freiheit. Die Freiheit, unabhängig von Marktmechanismen, Kunst in verschiedensten Ausstellungsformaten zu präsentieren: von der Einzelausstellung bis hin zu kuratierten Gruppenausstellungen und dies in Räumlichkeiten mit Museumsqualität. Das Programm kuratiert Karin Abt-Straubinger, Galeristin, Sammlerin und Stifterin unter dem Credo »Kunst soll für alle zugänglich sein«. Der Großteil der ausgestellten Kunst kann gekauft werden, denn dies ist der direkteste Weg Kunst zu fördern. Unterstützt wird sie dabei von einem kleinen, aber hochambitionierten Team.

Wörter wie Arsen

Kolumne vom 9.1.2020

Das Gift der Hass-Sprache wirkt schon in kleinen Dosen, auch wenn wir zuerst gar nichts merken. Verbote allein helfen gegen diese Bedrohung nicht. Die Kolumne.

Für alle, die sich bislang im Internet mit Hasstiraden und Gewaltaufrufen gegen Personen ungestraft hervortaten, soll es im neuen Jahr deutlich ungemütlicher werden. Endlich.

Ich erinnere an den erzgebirgischen Galgenbastler, dem die Chemnitzer Staatsanwaltschaft vor zwei Jahren mit der Einstellung der Ermittlungen beschied, da ja noch keiner der namentlich genannten Politiker am Strang gehangen habe und mögliche zukünftige Taten nicht geahndet werden könnten.

Offenbar sieht der Gesetzgeber die Gefahr jetzt konkreter, dass der Weg immer kürzer zu werden droht, bis aus Worten kriminelle Taten werden. Es ist schon mehr als ein diffuses Gefühl, dass die Flut von Hass und Drohungen im Internet gegen viele Mitbürger steigt, die als aufrechte Demokraten in der Öffentlichkeit stehen, sich kommunalpolitisch und ehrenamtlich engagieren.

Das Justizministerium hat noch im Dezember einen Entwurf zur Verschärfung des Strafrechts vorgelegt, der jegliche Bedrohung mit einem Gewaltdelikt betrifft. Künftig soll auch die Billigung von Straftaten, die noch nicht begangen, aber in Aussicht gestellt wurden, konsequent geahndet werden.

Um sich gegen all das durchzusetzen, was meist anonym und im diffusen Raum des weltweiten Internet gepostet wird, bedarf es weiterer gesetzlicher Änderungen. So sollen Betreiber von Internetplattformen künftig nicht nur zur Meldung von Hass- und Drohmails verpflichtet werden. Sie müssen zudem der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden umfassende Auskünfte über die kriminellen Absender bis hin zu Passwörtern geben.

Mit dem Löschen der Beiträge ist es also künftig nicht getan – die Ermittlung der Täter soll Priorität bekommen. Facebook, Twitter & Co. drohen Strafen in Millionenhöhe, wenn sie ihrer Pflicht, anonyme Hetzer zu melden, nicht nachkommen.

So weit, so gut – der Handlungsdruck ist offenbar groß genug geworden. Er sollte auch den Argumenten des Datenschutzes und des Rechts auf freie Meinungsäußerung standhalten, weil der Schutz von Menschenwürde und Unversehrbarkeit von Personen gleichfalls hohe und bewahrenswerte Güter sind.

Aber wird das alles genügen, um in absehbarer Zeit eine spürbare Abrüstung bei den verbalen Hass-Kriegern zu erreichen? Werden Einschüchterungen und Beleidigungen zurückgehen, die Kommentarfunktionen und Blogs im Internet zur Kloake verkommen lassen, wenn Moderatoren nicht das Schlimmste aussondern? Ich werde nicht der Einzige sein, der daran zweifelt, dass allein schärfere Gesetze einen gesellschaftlichen Ruck veranlassen, der dafür sorgen könnte, herabwürdigende, hetzerische Sprache zu ächten.

„Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Das schrieb Victor Klemperer in seiner großartigen Analyse zur Sprache des Dritten Reichs, „LTI“.

Klemperer beobachtete über zwölf Jahre, wie die Sprache des Nationalsozialismus „in alle Ritzen von Alltag und Kultur“ eindrang, wie ein solcher „Verrat an aller Bildung, aller Kultur, aller Menschlichkeit“ möglich war. Noch als Hochschullehrer bemerkte er Jahre nach dem Ende des Krieges die tief eingefressenen Spuren der Sprache aus der NS-Zeit.

Wo sind die Analytiker der aktuellen Sprachdeformationen im Internet-Alltag, die selbst mit einer verständlichen, lebendigen Sprache die Defizite einer Kommunikation beschreiben, die Aufmerksamkeit um jeden Preis, selbst um den der Würde und der Humanität, erzielen will?

Die Kolumne erschien am 9.1.2020 in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau.

Geht‘s noch? Die SPD wird von der vierten Gewalt totgeschrieben

Es ist erstaunlich, wie viele Zeitungen die SPD vor dem Aus sehen. Dabei hat die Partei 430.000 Mitglieder und regiert im Bund und in Ländern mit. Kolumne vom 12.12.2019.

Bahnfahren bildet. Das stelle ich jedes Mal aufs Neue fest. Vor allem auf langen Fahrten lese ich auch Zeitungen, die nicht gerade zu meiner täglichen Lektüre gehören. So geschehen mit der Tageszeitung „Die Welt“, die ich – aus heute mir nicht mehr nachvollziehbaren Gründen – während meiner Heidelberger Studienzeit sogar abonniert hatte. Jedenfalls jähes Erschrecken, als ich am 2. Dezember auf Seite 2 den Kommentar des ehemaligen Herausgebers las, ein Companero des Großrevolutionärs Joschka Fischer aus Frankfurter Tagen.

Überschrieben war die Horrormeldung: „Die SPD gibt es nicht mehr“. Hatte ich, der ruhelose homo politicus, da irgendetwas verpasst? Hatten sich die Sozialdemokraten nach über 150 Jahren so leise aus dem Staube gemacht, dass es nicht einmal den immerhin noch rund 430.000 Mitgliedern aufgefallen war? Oder war das Ganze nur Wunschdenken eines Autors am Ende eines langen Marsches durch die Institutionen?

Seine ultimative Abrechnung mit der real existierenden Sozialdemokratie war jedenfalls so gnadenlos, dass die Tür zum sprichwörtlichen Prinzip Hoffnung nicht einen Spalt offen blieb. Denn „sie hat sich selber aufgegeben“. Verzückt, in Sprachspiele verliebt, wird Juso-Chef Kevin als „altsozialistischer Resteverwerter und jungsozialistischer Schwarmgeist“ gleich mit abgeräumt.

Ausgebrannt sei die SPD, heißt es im „Spiegel“

Auf solche Charakteristika muss man erst einmal kommen. Aber ältere Herren drehen ja gern vergleichbare Pirouetten im Schwurbelreigen. Ein hervorgehobener Satz im Text hat mich besonders belustigt: „Die Partei ist bei der Kultur des Kindergeburtstages angekommen.“ Ich habe keinen Zweifel, dass sich der zürnende schreibende Opa in diesem Milieu gut auskennt.

Etwas beruhigt war ich, als „Der Spiegel“ mit einer verglimmenden, noch roten SPD-Kerze aufwartete. Schlachtruf: „Ausgebrannt. Wer braucht die SPD noch?“ Immerhin wird so der „alten Tante“ noch ein Fragezeichen zugestanden und die Weißkittel des „Sturmgeschützes der Demokratie“ sezieren das Innenleben der siechen Partei über Seiten mit der Akribie der Allwissenden.

Irdischer Jammer auch in der „Zeit“

Bei der Gelegenheit bekenne ich voll Scham, vor Jahrzehnten für eben dieses Journal in Heidelberg meine erste Demonstration mitorganisiert zu haben, als ein gewisser Franz-Josef Strauß als Verteidigungsminister 1962 dem Blatt wegen der Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“ nicht nur verbal an den Kragen und damit an die Existenz gehen wollte.

Deshalb ruhte meine Hoffnung auf „Die Zeit“, dem liberalen Gewissen der intellektuellen Nation deutscher Prägung. Doch auch hier herrscht irdischer Jammer. Auf der Titelseite groß ins Bild gesetzt der Urvater aller Willy-Wähler, versunken in einem Gestus, der auf Verzweiflung schließen lassen könnte, wenn man den begleitenden Aufschrei liest: „Geht’s noch?!“Ich erlaube mir, mich dieser Frage ohne Einschränkung anzuschließen. Denn der kleiner gedruckte Begleittext: „Was blüht der SPD, was droht dem Land – und ist das alles noch normal? Politik Seite 2-4.“ lässt Schlimmes ahnen. Auf der gleichen Seite der Wochenzeitung hieb der Chefredakteur himself in die Tastatur.

Wohl in Anlehnung an des Dichters Wilhelm Hauffs „Kaltes Herz“ überschreibt er seine Philippika mit „Herz aus Stein“ und raunt zur Wahl von Saskia und Norbert, es sei „der vorletzte Akt einer Tragödie“ und besorgnistrunken fragt Giovanni, „erspart sich die SPD den letzten?“. Nein, verehrte Kolleginnen und Kollegen des schreibenden Sektors. So war das mit der Vierten Gewalt nicht gemeint.

Die Kolumne erschien am 12.12.2019 in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau.

„Manche Dinge darf man wirklich nicht sagen“

Stuttgarter Zeitung, 9.12.2019
Von Sabine Fischer

Plakatkünstler Klaus Staeck bei der 25. Filmschau Baden Württemberg

41 Prozesse hat der politische Satiriker Klaus Staeck im Laufe seiner Karriere gewonnen. Mit dem Slogan „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kann er dennoch nichts anfangen – er hält ihn gar für eine Verhöhnung der Meinungsfreiheit.

Klaus Staeck hat mit seinen Plakaten immer wieder erfolgreich provoziert.
Foto: Manfred Mayer

Stuttgart – Klaus Staeck landete 41 mal vor Gericht auf der Anklagebank. Der Mann kann ein Lied davon singen, wie es ist, mit Kunst anzuecken. In den 70er Jahren machte er das Plakat zur satirischen Form, gegen den Widerstand seiner Gegner. Bei der 25. Filmschau Baden-Württemberg, die am Sonntag zu Ende ging, hatte der 81-Jährige einen Auftritt, vor dem er sich im Metropol-Kino zuallererst mehrere Ausgaben der Festivalzeitung einpackte – für sein Archiv.

„Ich bin ein Kind des Papierzeitalters und hänge am Papier“, gibt Staeck zu. „Wenn ich heute einsteigen würde, würde ich immer noch Plakate als Medium wählen, um meine Botschaften zu verbreiten. Aber vermutlich hätte ich inzwischen auch einen eigenen Instagram-Kanal.“
„Bilder irritieren mehr als Worte“
Auf den Freitagsdemonstrationen der Klimabewegung zeige sich die Macht der Plakate: „Die Aktivistinnen und Aktivisten tragen Transparente – und in den Zeitungen werden wiederum nicht nur die Menschen, sondern vor allem ihre Plakate abgebildet. Das zeigt: Bilder haben eine größere Chance, zu irritieren, als das gesprochene Wort“, so Staeck.
Trotzdem stehen Satiriker heute vor Fragen, die Staeck sich einst eher nicht stellen musste. Wie verschafft man seinem Anliegen noch Aufmerksamkeit in einer Welt, in der Millionen von Menschen täglich online um sie buhlen? Ist es gerechtfertigt, Tabus zu brechen, um sich ins Gespräch zu bringen? Staeck ist nachdenklich. Das Zentrum für politische Schönheit zum Beispiel nutze Methoden, die er selbst so nicht verwenden würde. „Aber das ist keine Distanzierung. Das ist eine andere Generation, die unter dem Diktat der Öffentlichkeit steht. Ich konnte damals mit relativ einfachen Mitteln Aufmerksamkeit schaffen. Heute muss man dafür ganz andere Wege gehen.“
Es gibt Grenzen des Sagbaren: die deutschen Gesetze
Dennoch gibt es für den heute 81-Jährigen klare Grenzen – und das nicht nur für Satiriker. Staeck selbst ist ein eingefleischter Verfechter der Meinungsfreiheit: „Sie ist ein hohes Gut und wird vor Gericht sehr ernst genommen.“ In einer Demokratie müsse man sich wehren dürfen. Doch die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Mentalität rechter Gruppierungen lehnt Staeck klar ab. „Bei allem, was gesagt werden darf, gibt es Grenzen: unsere Gesetze“, sagt der Satiriker. Wer zum Beispiel den Holocaust leugne, begehe schlicht eine Straftat. „Wer uns weiß machen möchte, es gefährde die Meinungsfreiheit, seine Lügen nicht öffentlich verbreiten zu dürfen, missbraucht die Meinungsfreiheit. Denn: Nein, manche Sachen darf man wirklich nicht sagen. Weil sie Unrecht sind. Weil sie falsch sind.“

Die Wende-Vollender

Kolumne vom 14.11.2019

Das seit Wochen anhaltende Gedenken an DDR-Ende und Maueröffnung im Herbst vor dreißig Jahren klingt langsam aus. Es scheint alles gesagt und in Erinnerung gerufen zu sein. Spätestens in zehn Jahren kommen wir wieder darauf zurück. Doch bleibt diesmal ein spezielles Unbehagen übrig. Die Wende-Vollender weiterlesen

Die Kunst findet nicht im Saale statt!

Der politische Plakatkünstler Klaus Staeck

Film von Andreas Ammer, Sendung am 16.4.2020, 22.45 Uhr im SWR

Die Premiere fand am 5.12.2019 zur Filmschau Baden-Württemberg in Stuttgart statt.

Aus dem Pressetext: „Staeck wurde 1938 geboren. Das heißt, er gehört zu jener Generation von deutschen Intellektuellen, deren bewusstes Leben mit der Geschichte der Bundesrepublik in Eins fällt. Er hat diese Geschichte nicht nur künstlerisch begleitet und politisch kommentiert, sondern ist gestaltend ihr Teil geworden. Klaus Staeck gilt als bedeutendster politischer Grafiker und Plakatkünstler der Bundesrepublik, der mit seiner Kunst seit Ende der sechziger Jahre immer wieder pointiert und provokant die Missstände in Politik und Gesellschaft anprangert.

Andreas Ammer zeigt in seinem Dokumentarfilm ein eindrucksvolles, inspirierendes Bild des Künstlers, Aktivisten und Menschen Klaus Staeck. Er begibt sich mit ihm auf die Spuren seiner Kindheit in Bitterfeld, begleitet ihn zu wichtigen Stationen seines künstlerischen Schaffens in Heidelberg und Berlin und lässt Weggefährten aus Kunst und Politik zu Wort kommen – darunter der weltweit gefragte Verleger Gerhard Steidl sowie Martin Schulz und Monika Grütters. Dabei springt Ammer immer wieder zwischen den Zeiten – dem jungen und dem nun über 80-jährigen Klaus Staeck. Private Filmaufnahmen Staecks geben Einblicke in die frühe Zeit seiner Aktionskunst. Der Film erzählt spannend, informativ und einfühlsam – mit schönen Ruhepunkten, die Andreas Ammer gefühlvoll musikalisch untermalt.“

Stuttgarter Zeitung, 9.12.2019: „Manche Dinge darf man wirklich nicht sagen“