Orbans Fußballregeln

Ungarns Präsident Orban ändert die Regeln und ernennt Schiedsrichter. Demokratie ist nur noch Fassade.

Wieder mal ein Blick nach Ungarn, um nachzuschauen, wie es mit der illiberalen Demokratie Victor Orbans steht. Genau vor einem Monat lud er die Leiter von 18 staatlichen Kulturinstitutionen in seinen Amtssitz, das ehemalige Karmelitenkloster ein, um den „Nationalen Rat für die strategische Lenkung der Kultur“ zu gründen.

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Freimut Duve

Erinnerung an einen wehrhaften Demokraten

Der Verleger, Publizist, Politiker und Freund Freimut Duve ist am 4. März 2020 gestorben. Die Deutschen Sozialdemokraten verlieren einen ihrer großen Intellektuellen, der nicht nur als erfolgreicher Herausgeber der populären Reihe rororo-aktuell in Erinnerung bleiben wird. Für seinen Hamburger Wahlkreis übernahm er achtzehn Jahre lang ein Bundestagsmandat und als kulturpolitischer Sprecher der Fraktion prägte er zu diesen Zeiten nicht unwesentlich das Antlitz der Partei. 

Sein Programm als Verleger, brachte mir wesentliche Anregungen für meine lebenslange Beschäftigung mit den großen ökologischen Problemen der Industriegesellschaft. Der Preis des Wachstums einer prosperierenden Wirtschaft in der Bundesrepublik wurde in einer ganzen Reihe der populären Rowohlt-Taschenbücher einer großen Leserschaft vorgerechnet.

Gemeinsam mit Heinrich Böll brachten wir zu dritt im Jahr 1977 die „Briefe zur Verteidigung der Republik“ heraus. Es war die Antwort auf die hysterische Stimmung, mit der seinerzeit von Behörden, Politikern und Medien wie der BILD-Zeitung aufrechte Demokraten im linken Spektrum als „Sympathisanten“ radikaler Gruppen in der Gesellschaft ausgegrenzt werden sollten. Es war uns gelungen, eine exzellente Liste von Autoren für die Veröffentlichung ihrer Texte in unserem Band zu gewinnen, der schon im Jahr des Erscheinens sieben Auflagen erlebte. 

Außer uns Herausgebern schrieben Carl Amery, Nicolas Born, Marion Gräfin Dönhoff, Axel Eggebrecht, Iring Fetscher, Helmut Gollwitzer, Jürgen Habermas, Hartmut von Hentig, Dieter Hildebrandt, Walter Jens, Ulrich Klug, Dieter Kühn, Siegfried Lenz, Jürgen Manthey, Alexander und Margarete Mitscherlich, Oskar Negt, Hans Erich Nossack, Fritz Sänger, Richard Schmid, Dorothee Solle, Carola Stern, Ernst Tugendhat und Martin Walser. Günter Grass, Alfred Grosser und Fritz J. Raddatz dokumentierten ihr „Gespräch über eine schwierige Nachbarschaft“.

Freimut Duve übernahm 1998 für mehrere Jahre das Amt des Beauftragten der OSZE für die Freiheit der Medien. Bis zu seiner schweren Krankheit war er unermüdlich in seinem Engagement zur Wahrung der Demokratie.

Klaus Staeck

Vom Recht aufs Vergessen werden

Kolumne vom 05.03.2020

Kürzlich erklärte der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Ulrich Kelber vor Bonner Beamtenkollegen: „… dass weiter Namen auf Klingelschildern stehen dürfen, dass man im Fotobuch vom Kindergarten nicht alle Gesichter der Kinder schwärzen muss und dass man Visitenkarten in der Tat übergibt, damit der andere die Kontaktdaten hat und nutzen kann.“

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Feindbild Vierte Gewalt

Vor zwei Wochen hat sich Boris Johnson würdig gezeigt, in die Riege der Autokratenkollegen Trump, Putin und Erdogan aufgenommen zu werden. Sein Kommunikationschef teilte bei einem Pressebriefing den Journalisten mit, wer bleiben darf und wer besser gehen sollte. Man könne schließlich informieren, wen und wann man will.

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WIEDERVORLAGE – Ausstellung in Stuttgart

KLAUS STAECK: WIEDERVORLAGE – PLAKATE UND OBJEKTE

Klaus Staeck, politischer Künstler, Aktivist und erfolgreicher Präsident der Akademie der Künste in Berlin (2006-2015), kommentiert seit einem halben Jahrhundert das Geschehen in Politik, Gesellschaft und Kultur der Bundesrepublik Deutschland mit provozierenden, bissigen und zielgenauen Plakaten. 

Seine verbale und visuelle Sprache ist griffig, klar und komplex zugleich. Seine künstlerische Methode beruht in der Regel auf Travestie, die Mittel sind Satire und Ironie. Viele seiner zündenden Sentenzen sind längst sprichwörtlich geworden. Und ebenso viele haben über die Jahre nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil!

Eine repräsentative Auswahl seines umfangreichen Werks aus mehr als 300 Plakaten und Objekten, ausgewählt von Klaus Honnef, zeigt eindringlich, dass viele der politischen, sozialen und kulturellen Probleme ungelöst blieben, obwohl seit Jahrzenten auf der politischen Tagesordnung. Nicht wenige davon haben sich mittlerweile sogar noch bedrohlich verschärft: Klimawandel, bezahlbare Mieten, Fremdenhass, Gewaltbereitschaft und Bildung sind nur die wichtigsten Themen.

Nichts ist erledigt, ist Staecks Devise. Deshalb der Titel seiner Ausstellung bei ABTART: „Wiedervorlage“. Denn der Blick zurück auf 50 Jahre wechselvolle deutsche Geschichte in der Perspektive eines Künstlers, der den kritischen Blick auf die Realität mit dem pragmatischen Sinn für die Möglichkeiten zum Besseren verbindet, liefert keinen Grund, sich selbstzufrieden zurückzulehnen. „Wiedervorlage“ versteht sich aus gutem Grund als ein wiederholter Aufruf an jeden Einzelnen, jede Einzelne, endlich aufzuwachen und anzupacken. Politik ist eine Sache, die alle betrifft. Jederzeit.

Text: Klaus Honnef

ABTART – Galerie und Ausstellungshaus – Freiraum für zeitgenössische bildende Kunst. ABTART vertritt keine KünstlerInnen exklusiv, ist keine Programm-Galerie. In diesen Räumen herrscht Freiheit. Die Freiheit, unabhängig von Marktmechanismen, Kunst in verschiedensten Ausstellungsformaten zu präsentieren: von der Einzelausstellung bis hin zu kuratierten Gruppenausstellungen und dies in Räumlichkeiten mit Museumsqualität. Das Programm kuratiert Karin Abt-Straubinger, Galeristin, Sammlerin und Stifterin unter dem Credo »Kunst soll für alle zugänglich sein«. Der Großteil der ausgestellten Kunst kann gekauft werden, denn dies ist der direkteste Weg Kunst zu fördern. Unterstützt wird sie dabei von einem kleinen, aber hochambitionierten Team.

„Manche Dinge darf man wirklich nicht sagen“

Stuttgarter Zeitung, 9.12.2019
Von Sabine Fischer

Plakatkünstler Klaus Staeck bei der 25. Filmschau Baden Württemberg

41 Prozesse hat der politische Satiriker Klaus Staeck im Laufe seiner Karriere gewonnen. Mit dem Slogan „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ kann er dennoch nichts anfangen – er hält ihn gar für eine Verhöhnung der Meinungsfreiheit.

Klaus Staeck hat mit seinen Plakaten immer wieder erfolgreich provoziert.
Foto: Manfred Mayer

Stuttgart – Klaus Staeck landete 41 mal vor Gericht auf der Anklagebank. Der Mann kann ein Lied davon singen, wie es ist, mit Kunst anzuecken. In den 70er Jahren machte er das Plakat zur satirischen Form, gegen den Widerstand seiner Gegner. Bei der 25. Filmschau Baden-Württemberg, die am Sonntag zu Ende ging, hatte der 81-Jährige einen Auftritt, vor dem er sich im Metropol-Kino zuallererst mehrere Ausgaben der Festivalzeitung einpackte – für sein Archiv.

„Ich bin ein Kind des Papierzeitalters und hänge am Papier“, gibt Staeck zu. „Wenn ich heute einsteigen würde, würde ich immer noch Plakate als Medium wählen, um meine Botschaften zu verbreiten. Aber vermutlich hätte ich inzwischen auch einen eigenen Instagram-Kanal.“
„Bilder irritieren mehr als Worte“
Auf den Freitagsdemonstrationen der Klimabewegung zeige sich die Macht der Plakate: „Die Aktivistinnen und Aktivisten tragen Transparente – und in den Zeitungen werden wiederum nicht nur die Menschen, sondern vor allem ihre Plakate abgebildet. Das zeigt: Bilder haben eine größere Chance, zu irritieren, als das gesprochene Wort“, so Staeck.
Trotzdem stehen Satiriker heute vor Fragen, die Staeck sich einst eher nicht stellen musste. Wie verschafft man seinem Anliegen noch Aufmerksamkeit in einer Welt, in der Millionen von Menschen täglich online um sie buhlen? Ist es gerechtfertigt, Tabus zu brechen, um sich ins Gespräch zu bringen? Staeck ist nachdenklich. Das Zentrum für politische Schönheit zum Beispiel nutze Methoden, die er selbst so nicht verwenden würde. „Aber das ist keine Distanzierung. Das ist eine andere Generation, die unter dem Diktat der Öffentlichkeit steht. Ich konnte damals mit relativ einfachen Mitteln Aufmerksamkeit schaffen. Heute muss man dafür ganz andere Wege gehen.“
Es gibt Grenzen des Sagbaren: die deutschen Gesetze
Dennoch gibt es für den heute 81-Jährigen klare Grenzen – und das nicht nur für Satiriker. Staeck selbst ist ein eingefleischter Verfechter der Meinungsfreiheit: „Sie ist ein hohes Gut und wird vor Gericht sehr ernst genommen.“ In einer Demokratie müsse man sich wehren dürfen. Doch die „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“-Mentalität rechter Gruppierungen lehnt Staeck klar ab. „Bei allem, was gesagt werden darf, gibt es Grenzen: unsere Gesetze“, sagt der Satiriker. Wer zum Beispiel den Holocaust leugne, begehe schlicht eine Straftat. „Wer uns weiß machen möchte, es gefährde die Meinungsfreiheit, seine Lügen nicht öffentlich verbreiten zu dürfen, missbraucht die Meinungsfreiheit. Denn: Nein, manche Sachen darf man wirklich nicht sagen. Weil sie Unrecht sind. Weil sie falsch sind.“