Aktuelles

Pressegespräch zur Wählerinitiative für Martin Schulz

am 13. September 2017 in der „Ständigen Vertretung“ am Berliner Schiffbauerdamm

mit Friedrich Schorlemmer, Sebastian Krumbiegel, Klaus Staeck und Eva Menasse; Kamera und Schnitt: James A. Wehse, Zeitzeugen TV
Die Initiative wurde vorgestellt von Friedrich Schorlemmer, Klaus Staeck, Eva Menasse und Sebastian Krumbiegel. Foto: Manfred Mayer

Die Rechten und der Rechtsstaat

Der Fall des AfD-Mitglieds Kalbitz zeigt: Die Demokratie weiß sich noch zu wehren. Kolumne vom 25.06.2020

Als vor einigen Tagen der Parteiausschluss des Brandenburger AfD-Funktionärs Andreas Kalbitz durch ein Urteil des Berliner Landgerichts aufgehoben wurde, da mag mancher „Normalbürger“ – also Nicht-Jurist – daran gezweifelt haben, in welchem Staat er lebt. Auch der Hinweis auf eine rein verfahrensrechtliche Entscheidung zur Zuständigkeit des Parteiengesetzes wird den Laien kaum überzeugen.

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Christo und die Schönheit der Unvollkommenheit

Erinnerung an den kürzlich verstorbenen Künstler Christo und eine dramatische Verhüllung in Heidelberg. Kolumne vom 11.06.2020

Viele Worte des Gedenkens an Christo konnte man dieser Tage hören und lesen. Sein Tod rief die Verwandlung des Berliner Reichstags in eine, wie Schorlemmer es nannte, „friedfertige Schönheit“ in Erinnerung. Christo und Jeanne-Claude hatten die Stadt fast auf den Tag genau vor 25 Jahren und nach ebenso langem Vorlauf der Ablehnungen und Verzögerungen mit der Skulptur eines spektakulär verhüllten Gebäudes bezaubert. „Alle Arbeiten Christos wurden zuerst angefeindet, dann gefeiert“, schrieb 1985 die Zeit. Dem New-York-Berliner Michael S. Cullen, der die Reichstags-Idee hatte, müssen wir noch heute für seinen langen Atem und unzählige Verhandlungen dankbar sein.

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„HEIMWEH“, Ausstellung in Potsdam

Die Ausstellung „HEIMWEH“ in der Villa Schöningen, direkt an der Glieniker Brücke, zeigt bis zum 23. August Fotografien von Till Brönner und Klaus Staeck.

HEIMWEH
Till Brönner, Open Memory Box Archiv, Klaus Staeck

8. Mai – 23. August 2020, Öffnungszeiten: Freitag – Sonntag 12 -18 Uhr

Der Hamburger Sammler Harald Falckenberg kuratiert zum zehnjährigen Jübiläum der Villa Schöningen und anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls zusammen mit seinem Freund und Künstler Bernd Dinter die Ausstellung HEIMWEH. Ausgangspunkt war die fulminante fotografische Präsentation des Jazzmusikers Till Brönner über das Ruhrgebiet im Duisburger Museum Küppersmühle 2019 unter dem Titel „Melting Pott“. Ein Jahr lang hat Brönner alltägliche Motive, spontane Portraits und Architektur als sehr persönliche Objets Trouvés festgehalten.
In der jetzigen Ausstellung der Villa Schöningen wurden die Fotos von Brönner völlig neu ausgewählt und durch aktuelle Fotografien ergänzt. Zusätzlich wurden zwei weitere Themenkomplexe des Filmschaffenden Alberto Herskovits (Stockholm/Berlin) und Klaus Staeck in der Villa Schöningen aufgenommen. Ohne jede dogmatische Vertiefung geht es der Ausstellung um die Frage, wie Menschen, die autoritären und ökonomisch bestimmten Strukturen unterliegen, ihren persönlichen Alltag gestalten.
Alberto Herskovits verfügt über die wohl weltweit größte Sammlung privater 8mm-Filmaufnahmen aus der DDR. Er hat die zwischen 1947 und 1990 entstandenen Dokumente 2019 unter dem Titel „Open Memory Box“ in Loops zusammengestellt. Das bisher der Öffentlichkeit kaum bekannte Schmalfilmmaterial umfasst 415 Stunden.
Klaus Staeck, aufgewachsen in Bitterfeld, braucht nicht vorgestellt zu werden. Er ist einer der Pioniere der Darstellung von DDR-Geschichte. Seine Fotografien dürfen in einer Übersichtsausstellung nicht fehlen. Er ist mit einigen prominenten Werken vertreten und weist mit seiner grotesken Arbeit „Parkordnung“ direkt im Blickfeld der Glienicker Brücke auf typische Ordnungszusammenhänge der DDR hin.
Die präsentierten Arbeiten der drei Künstler umfassen einen Zeitraum von ca. 40 Jahren. Auf die unterschiedlichen architektonischen Aspekte der Ausstellung deutet die im arkadischen Stil errichtete Villa Schöningen hin. Sie ist als Kontext der Präsentation nicht wegzudenken und setzt Akzente, die die besonderen Zusammenhänge der ausgestellten Kunst deutlich werden lassen.

Harald Falckenberg, 12. Juni 2020

Der „Trump 100 Club“

Kann man zum Wahlkampfhelfer für T. auch dann erwählt werden, wenn man gegen den US-Präsidenten schreibt? Kolumne vom 28.05.2020

Es ist schon ein seltsames Gefühl, zu den „Auserwählten“ zu gehören. Kürzlich wurde ich für kurze Zeit in diesen Zustand versetzt. Ich war eingeladen, dem „Trump 100 Club“ beizutreten. Angesprochen von Donald T. höchstselbst, einer derjenigen zu werden, „an die ich mich wende, wenn ich den Rat des amerikanischen Volkes brauche“. Einzige Bedingung: bis Mitternacht hätte ich mindestens 42 Dollar – nach oben blieb die Summe offen – auf ein Konto des Trump Make America Great Again Committee (TMAGAC) einzuzahlen.

Klaus Staeck, 2017, Postkarte

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Oskar Negt zur Corona-Krise

In einem Interview, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 27.05.2020, beschreibt der Sozialphilosoph seine Beobachtungen, wie die Kontaktbeschränkungen neue Formen von Öffentlichkeit schaffen. Die Corona-Krise könne auch als soziologisches Experiment begriffen werden.

Oskar Negt, geb. 1934, studierte in Frankfurt bei Max Horkheimer, promovierte bei Theodor W. Adorno und war Assistent von Jürgen Habermas. Von 1970 bis 2002 hatte Negt eine Professor für Soziologie in Hannover. 

Aus dem Interview, das Daniel Behrendt mit Oskar Negt führte:

Herr Negt, was erleben wir gerade: eine vorübergehende Krise oder eine Zeitenwende?

Mir scheint, dass sich schon vorher bestehende gesellschaftliche Erosionsprozesse verschärft haben, also das Brüchigwerden etablierter Bindungen und Wertemuster. In dem Maß, in dem alte Gewissheiten und Orientierungen poröser werden, entsteht, zunächst noch tastend, ein neues Bewusstsein. Ich habe das Gefühl, dass der gegenwärtige Stillstand von Produktion und öffentlichem Leben, die Verlangsamung unseres Alltags, dazu führt, dass sich immer mehr Menschen die Frage stellen, in welchen Zusammenhängen sie eigentlich leben, in welchen Verbindungen und Abhängigkeiten sie stehen. Viele begreifen gerade womöglich zum ersten Mal wirklich, was Gesellschaft, was unsere Demokratie für sie bedeutet. Nicht nur als politische Konstruktion oder als institutionelles Geflecht, sondern als etwas mit den eigenen Lebenszusammenhängen unmittelbar Verknüpftes.

Was heißt das konkret?

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen entstehen neue Formen von Öffentlichkeit und Wegen, miteinander in Bezug zu treten. Es fing in Italien auf den Balkonen an. Menschen überwanden die politisch auferlegte Grenze zum Nachbarn durch gemeinsames Singen. In meiner Nachbarschaft in Hannover spielt ein Klavierprofessor jeden Nachmittag um 17 Uhr Jazz-Improvisationen von seinem Balkon vor wachsender Zuhörerschaft. Das sind – neben vielfältigen Formen der Nachbarschaftshilfe – nur zwei Beispiele, auf welch spontane, mitunter unkonventionelle Weise Menschen derzeit Beziehungen zueinander herstellen. Inmitten aller Beschränkungen entsteht eine neue Freiheit, die uns die Möglichkeit eröffnet, aus dem Erprobten, Konventionellen auszuscheren. Und das hat viel mit Mündigkeit, mit gelebter Demokratie zu tun.

( …)

Wird dieses Bewusstsein die Krise überdauern?

Zumindest wird etwas hängenbleiben, da bin ich mir sicher. Weil die Menschen in dieser außergewöhnlichen Situation, für die es ja keine Blaupause gibt, stärker denn je aus eigener, authentischer Erfahrung lernen. Und dieser Erfahrungsbezug ist der stärkste Motor für nachhaltige Veränderung.

Welche Hoffnung weckt das in Ihnen?

Dass wir Alternativen zur bestehenden Ordnung erkennen und ergreifen lernen. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die nicht förderlich ist für Solidarität, sondern auf der Schädigung und Ausgrenzung des Nächsten gründet. Es ist eine in ihren Grundzügen räuberische Gesellschaft. Die Corona-Krise, die eine Herausforderung, gewissermaßen eine Lernprovokation ist, lehrt uns Zusammenhalt. Wir entdecken zugleich, was wir dem Gemeinwesen, was wir unseren Mitmenschen geben können. Wir begreifen, dass Teilen eine weit bessere Krisenbewältigungsstrategie ist als Raffen, als etwa die Akkumulation von Klopapierrollen. Natürlich ist der Ausgang dieser Krise längst noch nicht absehbar. Aber ich habe Hoffnung, dass dieser Zusammenhalt bleibt. Getrübt wird meine Zuversicht allerdings von einer großen Sorge: Dass eine Gewöhnung an den Zustand der Einschränkung wesentlicher Grundrechte stattfindet – und damit dem möglichen Missbrauch berechtigter Ängste durch antidemokratische Kräfte Tür und Tor geöffnet wird.

Das ganze Interview können Sie hier in der Frankfurter Rundschau lesen.

Rolf Hochhuth gestorben

Zum Tode von Rolf Hochhuth hat es an ehrenden Nachrufen wahrlich nicht gefehlt. Dennoch changierten die postumen Urteile über den Dramatiker von „Lautsprecher“, einen der „hitzigsten Köpfe“ bis zu „Don Quichote“ und „unser Luther?“, dem „Theateraufklärer und Wutbürger“. Für mich war er stets der Demokrat, der sich zu verteidigen wußte, der vor allem die Barbarei der Nationalsozialisten zum Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit machte. Der Elfenbeinturm war ihm fremd. Mit feinem Gespür bewegte er sich steinewälzend in den Untiefen der Gesellschaft – war Angreifer, kein Besänftiger, wenn Ungerechtigkeit und Verdrängung auf seine Antworten warteten.

„Der Stellvertreter“, Plakat 2001

Auf Arbeitsebene sind wir uns persönlich 2001 das erste Mal begegnet, als er mich um ein Plakat für seinen „Stellvertreter“ im Berliner Ensemble bat. Es war die Art unseres streitbaren politischen Vorgehens ohne Risikorückversicherung, die es mit sich brachte, dass wir in dem Hamburger Rechtsanwalt Heinrich Senfft den gleichen engagierten Verteidiger gefunden hatten, der uns in diversen Auseinandersetzungen juristisch vertrat. Ich war 1972 vom bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß wegen meines Plakates „Juso beißt wehrloses Kind“ erfolglos verklagt worden. Hochhuth hatte 1979 den baden-württembergischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Marinerichter Hans Georg Filbinger in der „ZEIT“ als „furchtbaren Juristen“ bezeichnet, ohne zunächst den Vorwurf konkret zu belegen. Während die Besorgten sogleich zum Vergleich wenn nicht gar zum Widerruf rieten, erbat sich Hochhuth wenige Tage Bedenkzeit.
In Kenntnis der verbürgten deutschen Bürokratie machte er sich auf die Suche nach Todesurteilen, die Filbinger noch nach der Kapitulation gefällt hatte. Davon überzeugt, dass derartige Schriftstücke hierzulande irgendwo aufbewahrt werden, führte ihn sein Weg schließlich ins Bundesarchiv nach Koblenz. Hier begrüßte ihn ein Mitarbeiter mit den Worten: „Wir wissen, was Sie suchen!“, ging ins Archiv und kam mit einem Stapel Akten zurück – darunter das Todesurteil gegen den Matrosen Gröger. Von sich aus könnten die Beamten der Behörde nicht tätig werden, aber auf Nachfragen antworten.

Zu einer denkwürdigen Begegnung mit mehreren Beteiligten kam es, als der Berliner Staatssekretär André Schmitz in seiner Privatwohnung den Versuch einer „Friedenskonferenz“ unternahm. Die um das Berliner Ensembleim Streit liegenden Parteien Hochhuth versus Peymann waren jeweils mit ihren Sekundanten bei Speis und Trank zu bühnenreifer Redeschlacht angetreten. Als Akademiepräsident hatte Schmitz mir die Rolle des Friedensrichters zugewiesen. Auch wenn sich beide Seiten an diesem Abend wortreich ihrer jeweiligen fachlichen Hochachtung versicherten – zu einer tragfähigen Lösung kam es nicht.

Was ich an Rolf Hochhuth immer geschätzt habe, war seine Beharrlichkeit in der Verfolgung eines einmal gesteckten Ziels bei seinen vielfältigen Aktivitäten jenseits des Theaters. Dazu gehörte sein Engagement , um für den Hitler-Attentäter Georg Elser in der Hauptstadt einen Ort der Erinnerung zu schaffen. Hochhuth scheute weder die Mühen der Ebenen noch die der Bürokratie, um an prominenter Stelle in der Berliner Wilhelmstraße ein Denkmal mit dem Profil Elsers in Form einer Stele durchzukämpfen.
Er ist der unermüdliche Aufklärer, der unruhige Freund, der nicht nur mir fehlen wird.

Klaus Staeck, 16. Mai 2020

Das brutale Gesetz der Krise

Große deutsche Firmen erpressen in der Corona-Krise den Staat

Viele Unternehmen bitten derzeit um Staatshilfen. Doch manche tummeln sich gleichzeitig auf beliebten Steuer-Sparplätzen. Wir müssen besonders auf jene achten, die in der Corona-Krise nach dem Staat rufen, den sie vorher kleinhalten wollten. Kolumne vom 14.5.2020

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Umweltaktionismus – aber ohne Angstpropaganda!


„XR“ ist das Kürzel für „Extinction Rebellion“. Die Bewegung setzt sich für den Klimaschutz ein. Das ist zu begrüßen. Aber … Kolumne vom 16.4.2020


War denn die Welt vor einem Jahr noch in Ordnung? Oder hat uns erst die Pandemie mit ihren unabschätzbaren Folgen die existenzielle Bedrohung vor Augen geführt?

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